Österreicher


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Österreicher, Substantiv, maskulin. Ethnonym und Eigenname eines mitteleuropäischen Volkes westgermanischer Abstammung, das sich bis 1945 zu den Deutschen zählte und 1918/19–1938 über eine eigene Staatsangehörigkeit verfügte. 1938/45 waren Österreicher deutsche Staatsangehörige, die Ende Feb. 1945 erneut ihre staatliche Souveränität erklärten, die international 1955 anerkannt wurde. Beiwort ist österreichisch.

Der Muttersprache nach ist die Mehrheit der Österreicher deutschsprachig, indes in Kärnten und in der Steiermark slowenischsprachige sowie im Burgenland kroatisch- und ungarischsprachige Minderheiten leben, die als autochthon gelten und daher ebenfalls als Österreicher gelten. Heute umfasst der Begriff Österreicher auch zahlreiche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund.

Dem Deutschen gegenüber zeichnen sich heutige Österreicher durch eine ausgesprochene Dissimilation aus, die sich auf die ethnische Identität der Österreicher begründet und die ihre Wurzeln in den nach dem II. Weltkrieg bekannt gewordenen Verbrechen des NS-Regimes ihre Wurzeln haben, die zumeist im Namen des deutschen Volkes geschahen, sodass sich die Österreicher im Nachhinein als erste Opfer des Hitlerfaschismus begriffen.
Allerdings ist die Frage, ob es eine österreichische Nation gäbe, völkerrechtlich umstritten. In Österreich wird diese These jedoch spätestens seit 1955 offiziell vertreten und gilt als Staatsdoktrin. Die Bevölkerungsmehrheit des Landes bezeichnet sich heute als Deutschsprachige und 2001 gaben 88,6 v. H. in Umfragen an, Deutsch zur Muttersprache zu haben[1]. Darüber hinaus bekannte sich eine Bevölkerungsminderheit von etwa 7 v. H. weiterhin zur Zugehörigkeit des österreichischen Volkes, soweit dieses deutscher Sprache war, zur deutschen Sprach- und Kulturnation[1]; Österreicher seien in ihren Augen bis dato kulturdeutsch.

Die amtliche Verwendung des Standarddeutschen macht Österreich zu einem der deutschsprachigen Länder. Dialektal gehören die meisten einheimischen Dialekte, sofern sie dem deutschen Sprachgebiet angehören, zur bairisch-österreichischen Dialektgruppe. Allein der Vorarlberg gehört zur Gruppe des Schwäbisch-Alemannischen.

Inhaltsverzeichnis

Synonyme

Anwendung

Der Begriff „Österreicher“ wird heute vor allem auf den Träger einer österreichischen Nationalität bezogen, der zumeist auch über die österreichische Staatsangehörigkeit verfügt. Um nun die deutschösterreichische Bevölkerung in den ehemals deutschen Erblanden vom heutigen Österreicher abzugrenzen, wurde für diese der Sammelname Altösterreicher eingeführt. Bis zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (1938) wurden die Österreicher von reichsdeutscher Seite aus als deutsche Volksgruppe in Österreich bezeichnet.

Etymologie

Als Volksbezeichnung hängt Österreicher eng ahd. Wort Ostarrîhhi/Ostarrîchi zusammen, dass wortgetreu als östliches Reich oder Ostreich zu übersetzen ist. Aus dieser Wurzel heraus entwickelte sich der heutige Staatsname Österreichs heraus, die im engeren Sinne der Begriff Österreich nur die heutigen Länder Ober- und Niederösterreich sowie das heutige Wien umfasst. Österreicher waren im Ursprung nur die Bewohner dieser drei Landesteile.

Während der Expansion des Hauses Habsburg wurde der Begriff Österreicher auf alle Untertanen der deutschen (österreichischen) Linie Habsburgs übertragen. Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich, der das bisherige Kaisertum Österreich zur Doppelmonarchie machte, wurde der Name Österreicher auf alle Bewohner der österreichischen Reichshälfte übertragen, ganz gleich, welcher ethnischer Abstammung, Sprache oder Religion sie waren. Um sich von den als fremdvölkisch angesehenen Österreichern abzugrenzen, wurde es bei den deutschen Österreichern üblich, dass sich diese als Deutschböhmen, Deutschmährer, Deutschsteirer oder Deutschtiroler bezeichneten. Um die Jahrhundertwende kam der Sammelname Deutschösterreicher auf, der sich in die Subgruppen Alpen- und Sudetendeutsche gliederte.

1919 wurde aufgrund des Vertrages von Saint-Germain-en-Laye der Name Österreicher eingeführt, der alle vorherigen Eigennamen mit dem Präfix {deutsch-} ablöste und der sich nur schwer durchzusetzen vermochte.

Ethnogenese

Die Ethnogenese der heutigen Österreicher entspricht im Wesentlichen der der Deutschen, Luxemburger oder Niederländer und führt sich auf die germanisch-deutsche Frühgeschichte Mitteleuropas zurück. Ab dem 7. Jh. vornehmlich die germanischen Stämme der Alemannen und Baiern auf dem Territorium des heutigen Österreichs, zu denen noch fränkische Siedler traten.
Bis ins 11. Jh. waren alle österreichischen Landesteile deutsch besiedelt worden, obgleich die deutschen Siedler vor allem im Süden und Südosten in Gemengelage mit Romanen (Ladiner) und Slawen (Slowenen) lebten. Bereits um 996 erschien urkundlich der Name Österreich, um den südöstlichen Bereich des Römisch-Deutschen Reiches zu bezeichnen, der seine Wurzeln in der karolingischen Awarenmark hatte.

Im Wesentlichen lassen sich die Österreicher auf zwei der sechs deutschen Stämme zurückführen, die durch die Alemannen und Bajuwaren gebildet wurden. Österreicher gelten aufgrund ihrer Siedlungsgeschichte als ausgesprochenes Mischvolk, eine Eigenschaft, die sie sich mit anderen deutschen Neustämmen teilen[2]. Doch zur Bildung eines eigenständigen deutschen Neustammes kam es im Bereich Österreichs nicht, sondern Alemannen und Baiern blieben mit den übrigen Stammesgenossen organisch verbunden.

Im karolingischen Franken- und im Römisch-Deutschen Reich war Österreicher die Bezeichnung eines Menschen, der in der Markgrafschaft Ostarrîchi gelebt hatte, die zum Schutz gegen die Ungarn gegründet wurde. Bis 1156 war sie verfassungsrechtlich Teil des Stammesherzogtums Baiern und befand sich entlang der Donau und beiderseits der Enns. Die Markgrafschaft erwarb selbst zahlreiche Gebiete und Territorien, sodass sie im 12. Jh. zu einem eigenständigen Herzogtum im Rahmen des Reiches erhoben wurde.

Haus Habsburg

Seit dem 14. Jh. war Österreicher Sammelname aller Bewohner, die 1275–1373 an das Haus Habsburg gefallen waren. Das Gros der Bevölkerung waren Deutsche, die bis zum Zusammenbruch der Donaumonarchie noch andere Volksgruppen assimilierten bzw. germanisierten.
Innerhalb der Österreicher wurde in Inner- und Vorderösterreicher unterschieden: Erstere umfassten alle Bewohner der im 14./16. Jh. durch Heirat erworbenen Gebiete Steiermark, Kärnten, Krain und Görz. Letztere umfassten die alemannischen Untertanen Habsburgs, die in Süddeutschland, Vorarlberg, Burgau in Bairisch-Schwaben und im Sund- und Breisgau lebten. Hinzu kamen noch Teile des Aargaus und zahlreiche innerschweizerische Landstriche. Diese Unterteilung wurde nach 1805 aufgegeben.

Nach der Auflösung des Römisch-Deutschen Reiches (1806) stellte sich bei den Deutschen die nationale Frage, wie sie zukünftig staatlich organisiert würden. Bereits 1804 war die Römisch-Deutsche Kaiserwürde erblich (und unter Verfassungsbruch) auf das Haus Habsburg übertragen worden, sodass die Monarchisten unter den ein Deutsches Reich in Form eines Kaiserreiches forcierten. Die Demokraten forderten, dass Deutschland nun einen einheitlichen deutschen Nationalstaat bilden und der eine parlamentarische Demokratie darstellen sollte.

Die deutschen Volksgruppen innerhalb der Habsburgermonarchie sahen sich weiterhin sprachlich-kulturell als Deutsche und politisch-staatsrechtlich als Österreicher, was bis zur Gründung des Deutschen Reiches keinen Widerspruch darstellte. Nach 1871 waren die deutschen Österreicher jedoch verfassungsrechtlich vom übrigen Deutschland ausgeschlossen, sodass sie nun als sogenannte Grenzlanddeutsche nur noch eine kleine privilegierte Minderheit im Staat darstellten, die etwa 12,6 v. H. der Gesamtbevölkerung ausmachte.
So organisierten sich deutschbewusste Österreicher nach 1867 erstmals in nationale Parteien, Verbände und Vereine, aus denen auch eine Deutschnationale Bewegung in Österreich hervorgehen sollte: Diese Nationalbewegung forcierte ein enges wirtschaftlich-politisches Bündnis zwischen Österreich und dem Deutschen Reich sowie den Erhalt des einheimischen Deutschtums. Der radikale Flügel (Alldeutsche Bewegung) forderte jedoch die Zerschlagung Österreich-Ungarns und die unmittelbare Angliederung aller deutschen Landesteile an das Reich.

Entgegen allen heutigen Behauptungen war der deutsche Nationalismus der Österreicher, der Deutschnationalismus, nicht besonders antisemitisch, sondern vielmehr national, liberal und sozial. Als ethnischer Nationalismus forcierte er den Erhalt des eigenen Volkstums, doch dieses richtete sich nicht gegen die als assimiliert geltenden Westjuden. Diese galten seit 1815 schlicht als österreichische Deutsche jüdischen Glaubens. Daher waren unter den Führungspersönlichkeiten der Deutschnationalen auch viele Juden vertreten, die, wie das Linzer Programm auswies, die christlichen Deutschen im Kampf gegen die ostjüdische Masseneinwanderung in Österreich unterstützten.
Nach der Einführung eines Arierparagrafen (1885) zerfiel die Deutschnationale Bewegung und ihr vermeintlich antisemitisches Erbe trat um die Jahrhundertwende die Deutschvölkische Bewegung an.

Nach dem I. Weltkrieg

Am 1. Aug. 1914 brach der I. Weltkrieg aus und das Deutsche Reich nahm an der Seite Österreich-Ungarns an diesem teil.
Reichsdeutsche und deutsche Österreicher wuchsen in dieser Zeit zu einem verschworenen Schutz-und-Trutz-Bündnis zusammen, dass sich ethnisch über das gemeinsame Blut definierte. So sollte nach dem Krieg die deutsche Volksgemeinschaft, die Gemeinschaft aller sich objektiv und subjektiv als deutsch empfindenden Menschen, alle bisherigen Klassen- und Standesunterschiede aufheben und beseitigen. Auch an den Fronten bildete sich unter den Soldaten auch immer mehr eine Art Frontsozialismus aus, der im Endziel etwas Ähnliches sah.

Am 12. Nov. 1918 erklärte sich Deutschösterreich als Teil des Reiches und die Österreicher nahmen ihren Anspruch auf das Selbstbestimmungsrecht in Anspruch.
Doch die Friedensverträge von Versailles und Saint-Germain-en-Laye machten das so demokratisch geschaffene Großdeutschland wieder zunichte, sodass letztendlich der hitlerische Nationalsozialismus die deutsche Einheit vollenden sollte.

I. Republik

Doch bevor es dazu kam, musste der selbst gewählte Staatsname Deutschösterreich in Österreich und das Ethnonym Deutschösterreicher in Österreicher geändert werden, obgleich sich die meisten Österreicher nach wie vor als Deutsche empfanden.
1932 scheiterte eine deutsch-österreichische Zollunion und Österreich wurde Anfang 1934 zu einem faschistoiden Ständestaat umgebildet. Engelbert Dollfuß, Bundeskanzler des nunmehrigen österreichischen Einheitsstaates, versuchte, Österreich als das bessere Deutschland darzustellen. So war es erklärtes Ziel des Austrofaschismus, das Deutschtum in Österreich zu bewahren.

III. Reich

Nach der Ermordung Dollfuß’ im Juliputsch 1934, wurde dessen Nachfolger Kurt Schuschnigg im Frühjahr 1938 vom deutschen „Führer und ReichskanzlerAdolf Hitler politisch genötigt, die verbotene NSDAP wieder zuzulassen.
Wider Erwarten setzte dieser im Frühjahr 1938 eine Volksabstimmung an, in der sich die Österreicher entscheiden sollten, ob sie als deutsche Staatsbürger unter der nationalsozialistischen Knute oder aber mithelfen wollten, aus Österreich einen besseren deutschen Staat zu machen.

Am 12./13. März 1938 erfolgte der deutsche Einmarsch in Österreich und Österreich wurde Teil des Deutschen Reiches, das sich von nun an großdeutsch nennen sollte. Am 10. April 1938 stimmten lt. offizieller Auszählung jeweils im Reich und in Österreich über 90 v. H. für den vollzogenen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und gaben dieser De-facto-Annektion einen völkerrechtlichen Charakter.

Aus den Österreichern wurden nun Ostmärker und aus Österreich als solches die [deutsche] Ostmark.
Hatten die Österreicher den Anschluss mehrheitlich begrüßt, kam für sie schnell das böse Erwachen: Alle wichtigen Positionen in Verwaltung, Polizei und Militär wurden von hitlertreuen Reichsdeutschen besetzt und die politische Führung in Berlin behandelte die Österreicher eher stiefmütterlich. In Verbindung mit den zahlreichen politischen Verbrechen des NS-Regimes und der Kriegsverbrechen von Wehrmacht und Waffen-SS fiel es den Österreichern um so leichter, sich am 27. April 1945 für souverän zu erklären und die II. Republik zu begründen.

II. Republik

Ende April wurde Österreich im Sinne der Verfassung von 1920 wiederhergestellt. Es herrscht jedoch darüber Uneinigkeit, ob Österreich als deutsche oder demokratische Republik wiederhergestellt worden ist. Ersterer Theorie schloß sich Dieter Blumenwitz an, der in seinem Buch Denk ich an Deutschland. Antworten auf die deutsche Frage schreibt, dass „[…] die deutsche Republik Österreich wiederhergestellt“ sei[3]. Andere Staatsrechtler wie Herbert Schambeck führen an, dass am 27. April 1945 die „demokratische Republik wiederhergestellt“ worden sei[4].

Spätestens ab 1955, mit Abschluss des österreichischen Staatsvertrages, setzte sich bei den Österreichern die Erkenntnis durch, dass sie keine Deutschen im sprachlich-kulturellen wie im politischen Sinne, sondern mehrheitlich ein westgermanisches Volk darstellen, dass mit den Deutschen allein die Muttersprache Deutsch gemein hat[1].

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 www.derstandart.at: Österreicher fühlen sich heute als Nation, abgerufen am 7. Dez. 2014.
  2. Lothar Dralle: Die Deutschen in Ostmittel- und Osteuropa, S. 90ff.
  3. Dieter Blumenwitz: Denk ich an Deutschland, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, A86 Textband, Kapitel „B. Der deutsche Staat nach 1945“, S. 57.
  4. Herbert Schambeck: Das Österreichische Bundes-Verfassungsgesetz und seine Entwicklung, Kapitel „Zur Entstehung“, S. 31.


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