Alldeutsche Bewegung in Österreich

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Alldeutsche Bewegung in Österreich [ˈalˌdɔɪ̯ʧә bəˈveːɡʊŋ ɪn ˈøːstəʀaɪ̯ç] oder Alldeutsche Bewegung [ˈalˌdɔɪ̯ʧә bəˈveːɡʊŋ] (ADB), seit 1891 Eigenname diverser ideologisch-politischer Strömungen, die von Österreich-Ungarn ausgehend auch im Deutschen Kaiserreich Eingang fanden. Verbandsfarben der Bewegung waren sowohl Schwarz-Rot-Gold, die als Sinnbild der großdeutschen und der deutschen Nationalidee standen, als auch die Farben des Bismarckreiches, Schwarz-Weiß-Rot. Mit den Letzteren wollten die deutschösterreichischen Mitglieder der Bewegung ihrem Wunsch Ausdruck verleihen, ihre geschlossenen Siedlungsgebiete mit dem Deutschen Reich staatlich zu vereinen.

Die Alldeutschen fassten ihre Bewegung als politische auf, agierten als Agitationsverband innerhalb der Völkischen Bewegung und ab 1899/1900 innerhalb der Deutschvölkischen Bewegung.
Bis zur Jahrhundertwende wurde die Alldeutsche Bewegung in Österreich vom reichsdeutschen Allgemeinen Deutschen Verband (ab 1894 Alldeutscher Verband) und den Alldeutschen Blätter unterstützt.[1] So nahmen bspw. auch regelmäßig deutschböhmische Alldeutsche an offiziellen Veranstaltungen des Alldeutschen Verbandes teil.[2]

Politische Ausrichtung

Die Alldeutsche Bewegung fasste sich zu ihrer Zeit als deutschnational und alldeutsch, vaterländisch und antisemitisch sowie antislawisch auf.
Ihre Grundüberzeugungen lagen auf der völkischen Rassenkunde, in denen Juden und Zigeuner bspw. als rassisch minderwertig, Deutschblütige als rassisch höherwertig aufgefasst wurden. Die modernen Hautvertreter der historischen Arier wurden in dieser Rassenlehre von den Deutschen und sog. Artverwandten gebildet, denen es naturgemäß erlaubt war, über minderwertige Rassen zu herrschen.

Die sog. Schönerianer, d. h. der radikale Teil unter Georg von Schönerer, war zudem kirchenfeindlich, antidemokratisch und antiliberal sowie antimarxistisch. Von Schönerer war innerhalb der Bewegung nicht unumstritten: Er selbst sah sich als Gründer und politischer Führer der Alldeutschen Bewegung, schloss aber eine Zusammenarbeit bzw. Kooperationen mit anderen deutschnationalen Parteien ab, die diese sich verweigerten, dessen Führungsrolle uneingeschränkt anzuerkennen.[3] Zudem standen die Schönerianer im krassen Gegensatz zum österreichisch-ungarischen Staat und der Römisch-Katholischen Kirche in Österreich. So forcierten sie die Dismembration Österreich-Ungarns und die Entmachtung der Römisch-Katholischen Kirche, indem sie die Deutschösterreicher aufforderten, zum Protestantismus zu konvertieren. Die durch die Zerschlagung Österreich-Ungarns freigesetzten deutschen Gebiete sollten sich bundesstaatlich mit dem Deutschen Reich vereinigen.

Der gemäßigt nationalistische Teil der Alldeutschen, die sog. Wolfgruppe, hatte sich unter der Führung Karl Hermann Wolf zusammengeschlossen. Dieser teilte die meisten politischen Einstellungen der Schönerianer, doch im Gegensatz zu dieser bekannte sich die Wolfgruppe zur Donaumonarchie, mit deren Strukturen man sich arrangiert hatte, und sie lehnte die von Schönerer initiierte Los-von-Rom-Bewegung ab.
Wolf wird heute als eigentlicher Begründer der Alldeutschen Bewegung angesehen, da über ihn in zeitgenössischen Belegen berichtet wird, dass er der politische Führer der Alldeutschen gewesen sei, wie das nachfolgende Zitat aufzeigen wird:

„Herr Wolf ist heute ohne Zweifel der geistige Führer des deutschen Volkes in Österreich. (…) Während Herr Schönerer immer mehr zurücktritt und hauptsächlich durch Rohheit und Komik von sich reden macht, haben natürliche Begabung, persönliche Unerschrockenheit und Energie, vor allem seine fanatische Hingabe an die nationale Sache und seine Erfolge Herrn Wolf eine Beliebtheit verschafft, die weit über die Grenzen seiner verpönten Partei hinausgeht, wenn auch viele sich scheuen würden, dies offen einzugestehen.“

Karl Max Prinz von Lichnowsky (Geschäftsträger der deutschen Botschaft zu Wien) in einem Schreiben an den deutschen Reichskanzler; zitiert nach: Hans Hennig Hahn (Hrsg.): „Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten“, Kapitel „Georg Ritter von Schönerer und die alldeutsche Bewegung in den böhmischen Ländern“, S. 77

Gründung

Die Alldeutsche Bewegung entstand 1891 durch den Zusammenschluss des von Georg von Schönerer begründeten Deutschnationalen Verein für Österreich mit anderen deutschnationalen und antisemitischen politischen Gruppierungen. Diese neue Bewegung sollte nach Willen von Schönerers an die Stelle der gemäßigten Deutschnationalen Bewegung treten, die, im Gegensatz zu den Rassenantisemiten innerhalb der Alldeutschen, Juden tolerierte und nach 1885, nach der Einführung des von den Schönerianern geforderten Arierparagrafen, zerfiel.

Politische Ziele, Aktionsgebiete

Minimalkonsens der Alldeutschen war die Stärkung des Deutschtums in den ethnisch gemischten Grenzgebieten der Österreichischen Reichshälfte und die Zurückdrängung des Slawentums sowie die Bekämpfung des Judentums.
Dementsprechend war das Aktionsfeld der Alldeutschen v. a. Deutschböhmen und -mähren (das spätere Sudetenland) sowie die südliche Steiermark und das südliche Kärnten. Aber auch im südlichen Deutschsüdtirol und in Wien war die Bewegung aktiv.

Im Gegensatz zu den Großdeutschen und der Wolfgruppe, die nur die Lösung der Österreichfrage anstrebten, vertrat die Schönerergruppe der Alldeutschen Bewegung eine pangermanistische Idee, die in Alldeutschland und damit in ein deutschbeherrschtes Europa enden sollte. Aber auch Teile der Wolfgruppe vertraten offiziell die Ansicht, dass das gesamte deutsche Sprachgebiet in einem einheitlichen Gesamtstaat bzw. Nationalstaat zusammengeschlossen gehörte. Dem gegenüber gingen die politischen Forderungen der Schönerianer weiter, als sie auch das niederländische Siedlungs- und Sprachgebiet für Alldeutschland einforderten und dieses mit Rasse und Geschichte begründeten. Zudem forderten die radikalen Alldeutschen, dass Alldeutschland vom Haus Hohenzollern regiert werden sollte.

Bezüglich des Judentums und der Rolle der Römisch-Katholischen Kirche in Österreich vertraten Schönerianer und Wolfgruppe klar verschiedene Ansichten: letztere tolerierte an das Deutschtum in Österreich assimilierte Westjuden, die z. T. als nicht religiös und aufgeklärt galten. So waren viele Westjuden bspw. auch in der Deutschnationalen Bewegung aktiv gewesen und setzten sich dort gegen die Masseneinwanderung der strenggläubigen und orthodoxen Ostjuden nach Österreich ein. Gemeinsam mit den christlichen Mitstreitern forderten die deutschnationalen Juden die Ausweisung der Ostjuden und deren Abschiebung in die Heimatgebiete.
Auch die Rolle der Römisch-Katholischen Kirche und der Donaumonarchie wurde von beiden Fraktionen unterschiedlich bewertet: Indes die Wolfgruppe sich zu ihrem römisch-katholischen Glauben und zu den gesellschaftlich-politischen Strukturen der Monarchie bekannten (so wurde der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zwar formaljuristisch weiterhin gefordert, aber eine gewaltsame Zerschlagung Österreich-Ungarns wurde von ihr konsequent abgelehnt). Derweil forderte der Schönererflügel die Entmachtung der Römisch-Katholischen Kirche (Los-von-Rom-Bewegung) und die schnellstmögliche Dismembration des Staates. Zudem wurde von den Schönerianern auch das germanische Heidentum forciert und propagiert.

Wahlerfolge, Gründung der Alldeutschen Partei

Bei den Reichstagswahlen 1897 erreichte die Alldeutsche Bewegung in Deutschböhmen und Schlesien fünf Mandate, die sich wie folgt verteilten: Georg von Schönerer für den Landkreis Eger (tschech. Cheb), Karl Iro für die Bezirke Plan-Tachau (Planá-Tachov), der Landwirt Franz Kittel für den Bezirk Saaz (Žatec) und Karl Hermann Wolf für die Bezirke Trautenau-Braunau (Trutenov-Broumov) sowie Karl Türk für den Bezirk Troppau (Opava). Bei einer Ergänzungswahl 1898/99 wurde die alldeutsche Fraktion im Reichsrat durch den Herausgeber der Egerer Nachrichten, Johann Laurenz Hofer, und Karl Fochler sowie durch den übergetretenen Ascher Politiker Ernst Bareuther verstärkt.[1]

Ihren politischen Zenit verdankte die Alldeutsche Bewegung ihrem aggressiven Vorgehen gegen die 1897 erfolgte böhmisch-mährische Nationalitätenverordnung des österreichischen Ministerpräsidenten Graf Kasimir Felix von Badeni[1] innerhalb des österreichisch-böhmischen Ausgleiches, die eine offizielle Zweisprachigkeit in den Böhmischen Ländern einführte und dort das Tschechische als erste Amtssprache zuließ.

1901 benannte sich die Alldeutsche Bewegung in Alldeutsche Vereinigung um und diese galt als deutschösterreichische Schwesternorganisation des Alldeutschen Verbandes.[4] Im gleichen Jahr schlossen sich die Alldeutschen des Österreichischen Reichsrates mit anderen rassenantisemitischen und deutschnationalen Gruppen zur kurzlebigen Alldeutschen Partei in Österreich (ADP) zusammen.
Nach dem Austritt der Wolfgruppe aus der Alldeutschen Partei (1902) löste Georg von Schönerer die ADP zwei Jahre später auf, nachdem diese in die politische Bedeutungslosigkeit gesunken war.

Siehe auch

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 Hans Hennig Hahn (Hrsg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, Kapitel „Georg Ritter von Schönerer und die alldeutsche Bewegung in den böhmischen Ländern“, S. 75
  2. Hans Hennig Hahn (Hrsg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, Kapitel „Georg Ritter von Schönerer und die alldeutsche Bewegung in den böhmischen Ländern“, S. 74
  3. Hans Hennig Hahn (Hrsg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, Kapitel „Georg Ritter von Schönerer und die alldeutsche Bewegung in den böhmischen Ländern“, S. 77
  4. Walter Wiltschegg: Österreich – der „zweite deutsche Staat“?, S. 204


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