Anschlussgedanke

Aus Deutsche Geschichte
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Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Anschlussgedanke [ˈanʃlʊsɡəˌdaŋkə] oder Anschlußgedanke (traditionelle Rechtschreibung, obsolet), Substantiv, maskulin. Bezeichnung diverser ideologisch-politischer Wiedervereinigungswünsche, die von sog. Anschlussbewegungen verfolgt werden.

Heute versteht man v. a. im deutschen Sprachgebiet jene Bestrebungen, die nach dem verlorenen I. Weltkrieg unter den Deutschösterreichern und Sudetendeutschen entstanden, die ihr Siedlungsgebiet mit der Weimarer Republik verschmelzen wollten und deren Vorhaben von der Triple Entente verboten wurde.
In den 1920er und 30er Jahren wurde der Begriff Anschlussgedanke auch auf die Wünsche jener deutscher Minderheiten übertragen, die durch den Vertrag von Versailles Angehörige anderer Staaten wurden, nachdem das Reich deren Wohngebiete hatte abtreten müssen. So entstand neben der Österreich- und der Sudetendeutsche Frage auch die Danzig- und die Eupen-Malmedy-Frage.

Nach dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges schienen in Europa Anschlussgedanken der Vergangenheit anzugehören.
Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1988/89) brachen alte nationale Gegensätze in den Ostblockstaaten wieder auf, die teilweise in bürgerkriegsähnliche Zustände ausarteten. Auch in der damals noch bestehenden Deutschen Demokratischen Republik, dem sog. II. deutschen Staat, kamen politische Forderungen nach einer Wiedervereinigung auf. Doch anstelle einer deutschen Wiedervereinigung traten nun Forderungen auf, in denen die staatliche Einheit beider Teilstaaten einschließlich Großberlins vertreten wurde. Von Gesamtdeutschland oder Deutschland als Ganzes hatte man national wie international Abstand genommen.

Synonyme

  • Anschluss/Anschluß (Kurzform)
  • Anschlussbestrebung/Anschlußbestrebung
  • Anschlussidee/Anschlußidee
  • Anschlusswille/Anschlußwille

Ziele

Ziel einer Anschlussbewegung ist es, das Siedlungsgebiet eines Volkes, das mit dem eines Nachbarstaates zu vereinen, wenn dort eine stamm- und sprachverwandte Bevölkerung lebt.

Anschlussbestrebungen des deutschen Sprachgebietes

Befreiungskriege

Der Begriff Anschlussgedanke reicht bis 1813 zurück, als auch im auf dem Territorium des ehemaligen Römisch-Deutschen Reiches Befreiungskriege stattfanden, um die frz. Vorherrschaft wieder abzuschütteln. Vor allem das preußische Königreich propagierte die Restauration des deutschen Reiches.

Revolution 1848/49

Im Zuge der deutschen Revolution von 1848/49 kam auch damalige Österreichfrage wieder auf, inwiefern Deutschösterreich, d. h., die geschlossen deutschbesiedelten Gebiete des späteren Österreich-Ungarns in einen zukünftigen deutschen Nationalstaat einzubinden seien: die Großdeutschen (einschließlich der Großösterreicher) forcierten möglichst weite Teile der österreichischen Reichshälfte einzubringen, derweil die Kleindeutschen auch einen nationalen Zusammenschluss mit Ausschluss Deutschösterreichs in Betracht zogen. Schließlich scheiterte die damalige deutsche Frage an den norddeutschen Partikularinteressen Bismarcks und an der Weigerung Österreichs, auf seinen Charakter als Nationalitätenstaat zu verzichten.

Österreichfrage (1891–1918)

Nach der Gründung des Deutschen Reiches entstand 1891 aus der (gemäßigten) Deutschnationalen Bewegung heraus die Alldeutsche Bewegung, die eine reine Anschlussbewegung der deutschvölkischen Österreicher darstellte. Während die Alldeutsche Vereinigung 1901 die Dismembration der Habsburgermonarchie und den Anschluss Deutschösterreichs an das Reich forderte, bevorzugte der reichsdeutsche Ableger der Alldeutschen Bewegung, der Alldeutsche Verband, eher die Beibehaltung des Status quo sowie eine Stärkung des österreichischen Deutschtums, da dieses als Puffer zu den Slawen dienen sollte.

Erste Pläne eines Alldeutschlands kamen um die Jahrhundertwende bei den Deutschvölkischen auf, die während des I. Weltkrieges einen aggressiv-chauvinistischen Pangermanismusvertraten: Nach einem deutschen Siegfrieden sollten nach dem Krieg die heutigen Beneluxstaaten annektiert und bis 1950 sollten auch die Schweiz und Liechtenstein angeschlossen werden. (→ Deutscher Imperialismus)

Österreichfrage (1918–1938)

Nachdem die Siegermächte des I. Weltkrieges Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich zu Alleinschuldigen erklärt hatten, kam es bei der Bevölkerung und den Parteien dieser Länder Empfindungen auf, sich nicht damit abzufinden, sondern Großdeutschland zu vollenden. So wiesen alle österreichischen (und Teile der reichsdeutschen) Parteien in ihren Parteiprogrammen Forderungen auf, dieses als staatliches Endziel zu erreichen. Schon die ersten Nationalsozialisten Österreichs vertraten den Anschlussgedanken seit Okt. 1918 und 1926 hatte sich dort eine NSDAP-Landesgruppe etabliert, die sich für den hitlerschen Nationalsozialismus einsetzte.

Vereinzelte Versuche, zumindest eine Deutsch-Österreichische Zollunion (1932) zu gründen, wurden ebenfalls durch die damaligen Siegermächte unterbunden.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung strichen die meisten systemtreuen Parteien Österreichs den Anschlussgedanken aus ihren Programmen; auch die Römisch-Katholische Kirche (in Österreich sehr deutschbewusst ausgerichtet) distanzierte sich von diesem und bekannte sich ebenfalls zur staatlichen Souveränität. Allein die NSDAP vertrat aggressiv den Anschluss nach außen, indes die Großdeutsche Volkspartei diesen gemäßigter vertrat.

Im Mai 1934 wurde Österreich in einen autoritären Ständestaat reorganisiert, der deutlich faschistische Züge trug. Alle Parteien und Verbände wurden verboten, die von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß gegründete und geführte Vaterländische Front wurde zur Staatspartei deklariert, die Österreich als das bessere Deutschland und dieses als christlich-deutschen Staat definierte. (→Austofaschismus)

Anschlussbestrebungen nach 1945

Südtirolfrage

Nachdem Italien bereits während des I. Weltkrieges unerwartet die Fronten gewechselt hatte, erhob es nach dem Weltkrieg gegenüber seinem nördlichen Nachbarn Ansprüche auf Welsch- und Deutschsüdtirol.
Im Ersteren konnte sich Italien noch auf ethnische Ansprüche berufen, da dort die Italiener die Mehrheitsbevölkerung ausmachte, doch Letzteres war zu 97 v. H. deutsch.
Zwar ergab die Volkszählung von 1910, dass Deutschsüdtirol insgesamt eine Bevölkerung von 279 213 Einwohnern hatte und von denen 23 164 angaben, dass deren Muttersprache Deutsch sei. Ladinisch wurde lediglich von 19 605 Menschen gesprochen, indes nach Nationalität 23 000 Italiener im Land und von denen nur 3000 Staatsangehörige Italiens waren. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich 20 000 Italiener in Deutschsüdtirol loyal als Österreicher bezeichnet hatten[1].

Am 5. Okt. 1918, nach Eintritt des Waffenstillstandes, marschierten italienische Truppenverbände in das von Deutschen bewohnte Südtirol und nahmen die Städte Bozen und Meran ein. Bis zum 11. Jan. 1919 war die Brenner-Linie erreicht und Italien forderte nun die Anerkennung dieser Demarkationslinie als italienische Nordgrenze[2].
Der Vertrag von Saint-Germain-en-Laye folgte den italienischen Wünschen und trennte das von Italien besetzte Südtirol von Österreich. Betroffen waren 212 805 Menschen, die auf 8961 qkm lebten. Diese waren ab 1922 einer massiven Romanisierung ausgesetzt. So sollte Deutsch als Hauptumgangssprache in allen Bereichen durch das Italienische ersetzt werden.

Ein zwischen Adolf Hitler und Benito Mussolini abgeschlossener Grenzvertrag garantierte dem Duce die Brenner-Linie und stellte Deutschen und Ladinern die Option in Aussicht, ihren Nationalitäten treu zu bleiben (was einer Auswanderung ins Reich gleichkam) oder weiterhin staatsrechtlich Italiener sein, was den vollständigen Völkermord an diesen Volksgruppen bedeutet hätte:
Bis 1939 stimmten rund 86 v. H. für die Auswanderung ins Reich und bis 1942 wanderten tatsächlich 75 000 Südtiroler aus[3].
1943 wurde Deutschsüdtirol einer deutschen Militärverwaltung unterstellt und in die Operationszone Alpenvorland eingegliedert[4].

Doch bereits im Mai 1945 wurde der Status quo wiederhergestellt und die deutsche Volksgruppe in forderte erneut ihren Anschlusswillen ans benachbarte Österreich; und obgleich die Volksgruppe 124 000 Unterschriften erbrachte, mit denen dieser Wunsch bei den Friedensverhandlungen in Paris (1947) mit Nachdruck vertreten werden sollte, wurde dieser nicht berücksichtigt.

1960 setzte der vonseiten Südtiroler Separatisten der sogenannte Befreiungskampf ein, der mit einer Reihe von Sprengstoffanschlägen auf Telefonmasten begann; erst 1992 wurde den deutschen und ladinischen Südtirolern weitgehende Autonomie zugestanden, infolge dessen Österreich seine Schutzmachtfunktion ihnen gegenüber einstellte[5], um so die italienische Zustimmung für seinen Eu-Beitritt zu erreichen.

Deutsche Demokratische Republik

Mit Beginn der deutschen Teilung begann die deutsche Frage aufs Neue: Wie sollten die Deutschen nun staatlich organisiert sein? Das Reich in seinen Grenzen von 1937 war zerschlagen und in Besatzungszonen gegliedert.
Während die Drei Mächte ein demokratisch-kapitalistisches Gesellschaftssystem forcierten, bevorzugte die UdSSR ein sozialistisch-volksdemokratisches. So wurden infolge dieser Widersprüche auf deutschen Boden zwei Teilstaaten etabliert, von denen der eine den Wünschen der Westmächte und der anderen den Wünschen der Sowjetführung entsprach.

Im Zuge des Kalten Krieges entfremdeten sich beide Teilstaaten immer mehr, sodass eine mögliche Wiedervereinigung beider Staaten nicht mehr in Betracht gezogen wurde, obgleich in der BR Dtschld. diese noch offen bis 1987 vertreten wurde.
1989/90 kam vonseiten der DDR-Bürger die Forderung auf, dass die DDR über den Art. 23 GG dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten sollte. Dieser Beitritt wurde in den Pariser Verträgen (1990) zwischen den Vertretern der zwei Teilstaaten mit den Vier Mächten ausgearbeitet und zum 3. Okt. 1990 auch vollzogen. (→Wir sind das Volk!, Wir sind ein Volk!)

Deutsche Ostgebiete, Sudetenland

Im Sommer 1945 kamen die Oder-Neiße-Gebiete überwiegend unter eine poln. Zivilverwaltung, und nachdem fast 9,6 Mio. Deutsche von dort vertrieben bzw. ausgesiedelt wurden, stellte sich für die deutsche Restbevölkerung die Frage nach einem möglichen Anschluss an die DDR nicht mehr. Diese erkannte im Sommer 1950 die Oder-Neiße-Linie als rechtmäßige deutsche Ostgrenze an und auch die BR Dtschld. gab zunehmend ihre Ansprüche auf diese Gebiete auf. (→Görlitzer Vertrag, Deutsche Ostverträge)

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks forderten deutsche Minderheiten in Polen und der Tschechoslowakei ihre Minderheitenrechte ein. So beantragte die deutsche Minderheit in Polen im bundesdeutschen Generalkonsulat Breslau die Ausstellung eines Bundespersonalausweises, der als Nachweis ihrer Rechtsstellung als deutscher Staatsangehöriger diente, da sie nie völkerrechtlich aus diesem Rechtsverhältnis entlassen und so als Deutsche nach Art. 116 GG galten.

Im Gegensatz zu den Polen-Deutschen sind die Reste der Sudetendeutschen nie in den Genuss gelangt, die doppelte Staatsangehörigkeit verliehen zu bekommen. Doch auch ihnen wurden vonseiten des tschechischen Staates ausreichende Minderheitenrechte zugestanden, obgleich ihnen mit Streichung des alten Art. 23 GG die Möglichkeit genommen wurde, sich dem ver. Dtschld. anzuschließen.

Krimfrage

Die Krimfrage stellte sich zur Zeit des Zarenreiches und der UdSSR nicht: Die Halbinsel gehörte seit ihrer Annexion (1783) als Teil Kleinrusslands zur Gesamtmonarchie. Zuvor war sie osmanisch gewesen und war seit 1482 ein eigenes tatarisches Teilkhanat gewesen. Die Keimtataren sollten schließlich 1502 eine wesentliche Rolle bei der Zerschlagung des Khanates der Goldenen Horde bilden.

Die Krimbevölkerung war seit jeher multiethnisch und Bevölkerungskonflikte eher selten. Während des I. Weltkrieges (März 1918) etablierte sich eine kurzlebige Sozialistische Republik Taurien, die aber noch im selben Monat wieder aufgelöst und als Teil Sowjetrusslands erklärt wurde. Hauptsprachen der Krim waren Ukrainisch, Russisch und Krimtatarisch, wobei die Mehrheit der Slawen zu den Russen rechnete.

Seit 1922 erfolgte die sog. Nationalitätenvergabe über die Volkszählung, bei der sich die sowjetischen Völker zu einer Ethnie zugehörig erklären mussten, da auch die Sowjetführung vom Begriff der Sprach- und Kulturnation ausging. Viele Angehörige der ethnischen und nationalen Minderheiten erklärten sich zu Russen, um sich gesellschaftlich besser zu stellen. Was ihnen nicht bewusst war: Der Wechsel der so angenommenen Volkszugehörigkeit wurde ihnen durch ausgefeilte Bürokratie fast unmöglich gemacht.

1954 schenkte der damalige Staatschef der UdSSR, Nikita Chrutschow, die Krim der Ukrainischen SSR, nicht ahnend, dass es vier Jahrzehnte die UdSSR nicht mehr geben würde. Da in der Sowjetunion Republik- und Oblastgrenzen nie völkerrechtlich, sondern lediglich verwaltungstechnisch definiert waren, stellte der Wechsel der Krim von Russland zur Ukraine erst einmal keinen großen Umbruch, geschweige denn, eine internationale Krise dar.
1988/89 brach der Ostblock zusammen und 1991 gründeten die drei slawischen Staaten (Russland, Ukraine und Weißrussland) die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, der sich fast alle Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR anschlossen.

Auch in Zentralasien gärte es bezüglich der nie festgelegten Grenzen. Russland beeilte sich, seinen Nachbarn zu versichern, dass es saturiert sei und keine Ansprüche auf russischbesiedeltes Territorium außerhalb seiner Grenzen stellen würde. Den infolge der neuen Grenzsituation lebten Mio. Russen außerhalb Russlands; vor allem in der industriell geprägten Ostukraine und auf der Krim besaßen sie ihren Siedlungsschwerpunkt.

Doch die ständige NATO-Osterweiterung brachte es mit sich, dass sich die russische Regierung vom US-amerikanischen Militärbündnis langsam bedroht fühlt, zumal diese zusammen mit der EU mit verschiedenen Nachfolgestaaten der UdSSR in Verhandlungen steht, um diverse Assoziierungsabkommen mit ihnen abzuschließen. Vor allem auf die Ukraine und die Kaukausrepubliken liegen die Hauptaugenmerke des Westens.

Anfang 2014 drohte das mit der ukrainischen Regierung ausgehandelte EU-Assoziierungsabkommen zu scheitern, da putschte sich mit tatkräftiger Unterstützung westlicher Staaten ein EU-freundliches, aber durchweg faschistoides Regime an die Macht. Dieser Putsch bewog die Krimmrussen, sich mit der Halbinsel Krim an Russland anzuschließen und bereits am 14. März 2014 fand diesbezüglich ein völkerrechtlich einwandfreies Referendum statt: 96 v. H. sprachen sich dabei für eine Wiedervereinigung mit Russland aus. Die Krimtataren, die etwa 12 v. H. der Gesamtbevölkerung ausmachen, boykottierten die Volksabstimmung.

Bereits einen Tag später erklärte Wlademir Putin auf einer internationalen Pressekonferenz, die er als russischer Präsident in Moskau gab, dass er den Wunsch der Krimrussen und das von ihnen ausgeübte Selbstbestimmungsrecht der Völker akzeptiere; mit sofortiger Wirkung sei die Krim russisches Territorium.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. Bund der Vertriebenen: Fibel zur Deutschlandfrage, S. 23
  2. Dr. Karl Hans Ertl: Gebiets- und Bevölkerungsverluste des Deutschen Reiches und Deutsch-Österreichs nach dem Jahre 1918, S. 214–219
  3. Zeit-online: So kam es zur Option, abgerufen am 27. April 2014
  4. Manfred Scheuch: Atlas zur Zeitgeschichte: Europa im 20. Jahrhundert, S. 109 und S. 133
  5. Manfred Scheuch: Atlas zur Zeitgeschichte: Europa im 20. Jahrhundert, S. 147


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