Antisemitismus


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Antisemitismus [ˌantizemiˈtɪsmʊs] bzw. [ˈantizemiˌtɪsmʊs] oder Judenhass, Substantiv, maskulin. Sammelbezeichnung diverser politisch-ideologischer Strömungen Juden v. a. aus rassisch-nationalistischen und aus sozial-wirtschaftlichen Gründen abzulehnen bzw. das Bestreben gegen das Judentum bis hin zu dessen Verfolgung aus der Ansicht heraus, dass es für alle Arten von Übeln verantwortlich sei. Beiwort ist antisemitisch.

Der Antijudaismus, d. h. der religiöse Antisemitismus, der die christlichen Kirchen lange Zeit geprägt hat und der das Judentum lediglich als Religions- und Kulturgemeinschaft ablehnte, muss strikt vom modernen Antisemitismus getrennt werden, obgleich er dessen historische Wurzel bildete. Im Gegensatz zum Antisemitismus toleriert der Antijudaismus die Judenchristen auf der einen Seite und auf der anderen Seite die an die europäischen Kulturen assimilierten und säkularisierten Juden, die durchweg als Bereicherung des christlichen Abendlandes angesehen wurden.
Ihm gegenüberstand und steht der politisch-ideologische Antisemitismus, der Juden und Judenchristen generell aus rein rassischen Gründen ablehnend gegenüberstand und der diese allein aufgrund ihrer Rasse (d. h. Abstammung) durchweg als dem Europäer gegenüber als artfremd definierte und sie aus dem gesellschaftlichen Leben zu verdrängen gedachte.

Dieser sog. Rassenantisemitismus, der v  a. im 19. Jh. entstand, entstammte der Völkischen Bewegung und gelangte über die radikalen Deutschvölkischen in die nationalsozialistische Ideologie, die während des II. Weltkrieges im Völkermord an den europäischen Juden endete.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Antisemitismus bedeutet gegen die Semiten sein und umfasste im ursprünglichen Sinne Juden und Araber, die sich von Noahs Sohn Sem ableiteten.

Allgemeiner Antisemitismus

Der allgemeine Antisemitismus existiert seit dem 13. Jh., als sich christliche Religionsgemeinschaften aus rassischen Gründen als höherwertig und Juden sowie Araber, eben die Semiten, als minderwertig betrachteten. Juden wurden anfänglich nur aus religiösen Motiven abgelehnt und der Antisemitismus wurde anfänglich nur auf die sog. Ungläubigen im heiligen Land bezogen. Doch die Zeit der Kreuzzüge brachte es mit sich, dass unter dieser Begriffsbestimmung alle Mohammedaner einschließlich türkischer Völker fielen.

Das Urchristentum als solches leitete sich aus dem Judentum ab und alle Führer der frühen Kirchen sowie Autoren des Neuen Testamentes waren ursprünglich Juden. Doch bereits im 2. Jh. begannen die christlichen Kirchen, das Judentum mit heftiger Kritik zu überziehen und begannen, das Judentum des Gottesmordes zu bezichtigen; immerhin seien es Juden gewesen, die den Messias Jesus von Nazareth hatten ans Kreuz schlagen lassen. Seit der Spätantike sprachen die christlichen Kirchen den Juden deren religiöses Recht ab, sich als das von Gott auserwählte Volk zu bezeichnen und sie verurteilten deren Selbstausgrenzung von der christlichen Gesellschaft. So lebten in den Städten bsw. die Juden in eigenen Vierteln und heirateten fast ausschließlich untereinander.

Im 4. Jh. wurde das Christentum Staatsreligion des Römischen Reiches, welches sofort damit begann, seine jüdische Minderheiten zu kontrollieren und zeitweise auch blutig verfolgen zu lassen. Doch die längste Zeit koexistierten Juden- und Christentum miteinander, und in einigen Regionen übernahmen Bischöfe oder christliche Herrscher die Schutzmachtfunktion über das Judentum und dessen Synagogen. So bspw. in Worms, wie die jüdische Minderheit 11.–19. Jh. unter christlichen Schutz stand.

In einigen europäischen Ländern jedoch kam es zu starken Wellen des Judenhasses, die oft in Pogromen und Vertreibungen endeten und während der Kreuzzüge bedürfte der Antisemitismus keinerlei Legitimation mehr, sondern war längst europäisches Allgemeingut geworden.
Neben der unmittelbaren Verfolgung erfolgte auch eine aggressive Diffamierung der jüdischen Minderheit, etwa in der Verbreitung der Gräuellügen, Juden würden Brunnen vergiften, am Sabbat kleine christliche Kinder schlachten und deren Blut trinken.

Die Reformationszeit sollte leichte Erleichterungen für das Judentum bringen, da Martin Luther, der selbst Antisemit war, in seiner Schrift Dass Jesus ein geborener Jude sei (1523) auf die gemeinsamen religiösen Traditionen von Juden- und Christentum einging. Doch bereits 1543 radikalisierte sich der christliche Kirchenführer und brachte die Schrift Wider die Juden und ihre Lügen heraus.

Die Aufklärung und der Liberalismus (18./19. Jh.) brachten die Gedanken der Menschen auf Religionsfreiheit und garantierte Menschenrechte. So erfolgte im 19. Jh. denn auch die Emanzipation der Juden in Deutschland, wo ihnen die deutschen Herrscher die Bürgerrechte verliehen. Das brachte zwar die christlichen Kirchen zu einem Umdenken ihres Verhaltens den Juden gegenüber, radikalisierte jedoch zahlreiche Gesellschaftskreise, die alle Juden aus dem öffentlichen Leben verbannt wissen wollten.

Erst der Völkermord an den europäischen Juden bewirkte, dass der Antisemitismus jeglicher Couleur gesellschaftlich verbannt wurde und dass sich Staat, Gesellschaft und Kirchen auf gemeinsame christlich-jüdische Traditionen beriefen.

Rassenantisemitismus

Der Rassenantisemitismus, der politisch-ideologische Antisemitismus also, entstand Anfang des 19. Jh.s, als Antwort auf die zuvor erfolgte Emanzipation der Juden in Deutschland und fußte auf den Rassentheorien europäischer Mystiker. Bereits in den 1830er und 1840er Jahren etablierte sich auf dem Territorium des Deutschen Bundes die Antisemitische Bewegung, die radikal-aggressiv und chauvinistisch war. Einer ihrer Vertreter war Ernst Moritz Arndt, der eine jüdisch-deutsche Doppelidentität ausschloss; Arndt zufolge sei es unmöglich, Deutscher und Jude zugleich zu sein.
Der Rassenantisemitismus definierte sich über die Deutschblütigkeit, der ein ethnischer (völkischer) Nationalismus zugrunde lag und der von einem extremen Sozialdarwinismus begleitet wurde.

1878 gilt allgemein als Gründungsjahr der Völkischen Bewegung und ihres Rassenantisemitismus. Die völkische Rassenkunde besagte, dass die Deutschblütigen, also die Arier, und deren Hauptvertreter, die Deutschen, den wichtigsten Zweig der germanischen Völker darstellten. Die Arier seien allen anderen Menschenrassen höherwertig anzusiedeln und alle anderen hätten sich diesen unterzuordnen. Die sog. jüdische Rasse sei eine der minderwertigen und würde von der arischen deutschen Rasse dominiert, so damals die allgemeine Auffassung.
Aus diesem Kontext heraus begründete der preußische Hofprediger Adolf Stoecker noch 1878 die Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die den politischen Antisemitismus begründete. Dieser war jedoch noch stark am Antijudaismus orientiert, da Stoecker noch durchaus gewillt war, zum Christentum konvertierte Juden als Volksgenossen anzuerkennen. Dennoch war Stoeckers Partei Teil der Völkischen Bewegung und Vorläufer der späteren Christlich-Sozialen Partei.

Österreichischer Antisemitismus

Österreichischer Antisemitismus (auch deutschösterreichischer Antisemitismus genannt) war eine Erscheinungsform des deutschen Antisemitismus, wies aber spezielle österreichische Abweichungen auf.

1878 wurde in Österreich-Ungarn die Deutschnationale Bewegung in Österreich begründet, dessen Mitbegründer Georg von Schönerer war. Diese nationalliberale und nationaldemokratische Bewegung wurde auch von weiten Teilen des deutschösterreichischen Reformjudentums getragen. Der im Linzer Programm (1882) festgeschriebene Antisemitismus orientierte sich noch stark am Antijudaismus, sodass sich auch säkularisierte Juden mit diesem identifizieren konnten. Doch bereits 1885 wurde vom sog. Schönerer-Flügel durchgesetzt, dass im Linzer Programm ein Arierparagraf aufgenommen wurde, der allen in der Deutschnationalen Bewegung aktiven Juden untersagte, weiterhin Mitglied in dieser Bewegung zu sein. Dieser Arierparagraf hatte letztendlich auch den Zerfall der Deutschnationalen Bewegung zu verantworten.

1899/1900 wurde in Deutschböhmen unter der Mitwirkung Georg von Schönerer die Deutschvölkische Bewegung begründet, die sich als legitime Nachfolgerin der Deutschnationalen Bewegung betrachtete. Deren Programm orientierte sich eng am Linzer Programm, doch hatten die Deutschvölkischen den radikal-aggressiven Rassenantisemitismus des Deutschen Reiches übernommen.

1901 entstand über die Alldeutsche Bewegung die Alldeutsche Vereinigung, die auch eine kurzlebige Partei stellte. Karl Lueger, Mitbegründer der Christlichsozialen Partei in Österreich war ein überzeugter Antisemit, der in Wien einen wahren Führerkult um seine Person etablierte. So nimmt es nicht Wunder, dass ausgerechnet von Schönerer und Lueger die politischen Vorbilder des jungen Adolf Hitler wurden, der sich 1924 in I. Band seines Buches Mein Kampf als überzeugten Deutschnationalen bezeichnen sollte.

Deutscher Antisemitismus

Deutscher Antisemitismus war eine Erscheinungsform des Rassenantisemitismus und bildete auch die Grundlage seiner österreichischen Variante. Erster Vertreter war die 1898 gegründet Deutschsoziale Partei, neben der die 1890 gegründete Antisemitische Volkspartei bestand und die sie später in Deutsche Reformpartei umbenannte.
Beide Partien schlossen sich 1914 zur Deutschvölkischen Partei zusammen, die noch vor dem I. Weltkrieg im heutigen Hessen ihre größten Erfolge feierte.[1]

Nach Kriegsende entstand aus ihren Anhängern und Sympathisanten der Deutschvölkischen Bewegung die Nordische Bewegung, deren politisches Symbol das Hakenkreuz war. Beide Gruppierungen, Deutschvölkische Partei und Nordische Bewegung, hatten maßgeblichen Einfluss auf den späteren Nationalsozialismus und gelten daher als dessen Wegbereiter.

In der Weimarer Republik wurde der politische Antisemitismus v. a. durch die NSDAP vertreten, deren Ziel es war, allen Juden die deutsche Reichsangehörigkeit zu entziehen und sie so unter das sog. Fremdenrecht zu stellen.[1] Durch diese Maßnahme sollte der angebliche jüdische Einfluss auf Politik, Kultur und Wirtschaft beseitigt werden. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde im III. Reich der sog. Arierparagraf eingeführt[1], aufgrund dessen die jüdische Minderheit in Deutschland nach und nach entrechtet und letztendlich verfolgt wurde.

Seinen (traurigen) Höhepunkt fand der deutsche Antisemitismus im industriellen Völkermord an den europäischen Juden, der während des II. Weltkrieges stattfand: 1940/45 wurden in den Konzentrationslagern in den vom Großdeutschen Reich besetzten Gebieten rd. 5,7 Mio. Juden ermordet.

Siehe auch

Literatur

  • F. A. Brockhaus: Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden und einem Atlas, Erster Band A–E, F. A. Brockhaus Leipzig, 1938, Eintrag „Antisemitismus“
  • Hilde Kammer, Elisabeth Bartsch: Jugendlexikon Nationalsozialismus. Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933–1945, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek, 1982, ISBN 3-499-16288-1, Eintrag „Antisemitismus“
  • Christian Zentner, Friedemann Bedürftig (Hrsg.): Das große Lexikon des Dritten Reiches, Südwest Verlag, 1985, ISBN 3-517-00834-6, Eintag „Antisemitismus“
  • Harenberg Verlag: Lexikon der Religionen, Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien GmbH & Co.KG Dortmund, 2002, ISBN 3-611-01060-X, Eintrag „Antisemitismus“

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 Neuer Brockhaus, S. 108


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