Deutsche Volksgemeinschaft


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Vorgaben des Dudens.

Deutsche Volksgemeinschaft, seit dem 17. Jh. Eigenname der Deutschen, die sich als Volks- und Solidargemeinschaft verstanden. Sie wurde im Ursprung von den Trägern der deutschen Sprachgemeinschaft, dem deutschen Volk, gebildet, deren Volkszugehörige sich ab dem 18. Jh. zur deutschen Nationalkultur bekannten.

Im 19. Jh. wurde der Begriff deutsche Volksgemeinschaft stark ideologisiert und politisiert, was seine Verbindung mit Rassenfrage zur Folge hatte: Der apolitische Begriff wurde nun strikt mit der Blutlinie verbunden und zu einem politischen Kampfbegriff der Völkischen, ins besonderen der Deutschvölkischen und Alldeutschen.
Dennoch blieb deutsche Volksgemeinschaft auch im Sprachgebrauch der (nationalen und völkischen) Linken, die sich durch eine starke Anbindung mit der sozialistischen Rechten auszeichnete.

Der Frontsozialismus des I. Weltkrieges verstand unter dem Begriff deutsche Volksgemeinschaft eine klassenlose Gesellschaft, in der alle bisherigen Klassen- und Standesunterschiede als beseitigt angesehen wurden.
Er wurde zur Zeit der NS-Diktatur zu einem wesentlichen Dogma der nationalsozialistischen Weltanschauung, die ihn mit dem Führerkult um Adolf Hitler und der nationalsozialistischen Idee zur NS-Volksgemeinschaft verbanden, der nur Reichsbürger, d. h., nur die deutschblütigen Staatsbürger angehören konnten; Juden und Zigeunern bspw. waren aus dieser NS-Volksgemeinschaft ausgeschlossen.

Der Neue Brockhaus definierte 1938 den Begriff der Volksgemeinschaft wie folgt:

„Volksgemeinschaft, die auf blutmäßiger Verbundenheit, auf gemeinsamen Schicksal und auf gemeinsamem polit. Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes, der Klassen- und Standesgegensätze fremd sind. Sie ist Ausgang und Ziel der nationalsozial. Weltanschauung und des von ihr getragenen Staates.“

Der Neue Brockhaus, Vierter Band S – Z, Eintrag „Volksgemeinschaft“, S. 608.

Seit dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges gilt der Begriff deutsche Volksgemeinschaft als NS-belastet und wurde durch den der nationalen Solidargemeinschaft ersetzt.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Der Begriff „deutsche Volksgemeinschaft“ ist eng mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen verbunden, die darunter eine ethnische Identität verstanden, die sich über die gemeinsame Sprache und Kultur definierte und die im 17. Jh. nur im Sinne des Sprach- und Kulturnationalismus verwendet wurde. So waren Abstammung und Religion der damaligen Deutschen unerheblich für deren Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft.

Chronik

1770–1899

Um 1770 erschien die von der Bildungselite getragene Deutsche Bewegung, die das Konzept der Sprach- und Kulturnation begründen sollte. Erstmals wurde der Begriff deutsche Volksgemeinschaft politisiert und mit dem Abstammungsprinzip verbunden, wobei die Religion der Deutschen weiterhin unerheblich war. Zudem wurde ein moderner einheitlicher Nationalstaat für die Deutschen gefordert, dessen politischen Grenzen sich an der Sprachgrenze zu richten habe. Etwa um 1798 kam der Begriff Volksgenosse auf, der den Volkszugehörigen, und damit den Angehörigen der deutschen Volksgemeinschaft, bezeichnen sollte.

Nach der Auflösung des Römisch-Deutschen Reiches (1806) wurde die deutsche Volksgemeinschaft nach und nach Träger des Nationalstaatsgedankens und organisierte sich nun in verschiedenen deutschnationalen Bewegungen, aus denen in den Befreiungskriegen die Freikorps entstanden.

In der Märzrevolution von 1848/49 schien es, als könne man politisch das von den Deutschen mehrheitlich geforderte Deutsche Reich, das ein moderner Einheitsstaat werden sollte, auf parlamentarischer Grundlage verwirklichen, als alle demokratischen Neuerungen 1852 wieder zurückgenommen und die Zustände von Anfang 1848 wiederhergestellt wurden.

Ab 1878, nach der 'Gründung des Deutschen Reiches im kleindeutschen Rahmen, bildeten sich sowohl im Deutschen Reich als auch in Österreich-Ungarn sozial-politische Bewegungen heraus, die die deutsche Volksgemeinschaft subjektiv und objektiv als Teil der Rassentheorie sahen: So bildete sich im Reich aus der dortigen Deutschnationalen Bewegung eine betont völkische und in der österreichischen Reichshälfte eine deutschnationale Richtung aus; Letztere zerfiel ab 1882/85 in zwei konkurrierende Richtungen: eine deutschnational-großdeutsche und eine völkisch-alldeutsche.
Die von den Völkischen (und Alldeutschen) vertretenen Rassentheorien teilte die Menschheit nach Rassenkriterien in sogenannte Rassenkreise ein, die in höherwertige (und damit wertvolle) und minderwertige Rassen unterschieden wurde. Zu den Minderwertigen zählten vor allem Juden und Zigeuner. Es wurde von ihnen gefordert, dass jeder Deutsche seine deutschblütige Abstammung nahtlos drei Generationen nachweisen könne, um weiterhin als Volksgenosse und damit Teil der deutschen Volksgemeinschaft zu sein.

1900–1945

Unter Wilhelm II. von Preußen kam es im Deutschen Reich zwischen 1880 und 1900 zu einem ausgeprägten Reichsnationalismus, der aggressiv auch imperialistische Züge trug. Die um die Jahrhundertwende entstandene Deutschvölkische Bewegung, die als einer der Erben der Antisemitischen Bewegung gilt, vertrat nun einen offenen Rassenantisemitismus und Fremdenhass.
Galten vor dem Aufkommen der Deutschvölkischen zum Christentum konvertierte Juden, Judenchristen oder auch nicht religiöse Reformjuden als assimiliert und als Teil der deutschen Volksgemeinschaft, so forderten die Deutschvölkischen nun die Endlösung der Judenfrage. Der seit Jahrhunderten latent existierende Antijudaismus wurde nun fast vollständig vom Antisemitismus abgelöst.

Die Rassentheoretiker der Völkischen argumentierten, dass die Juden, egal, ob getauft oder nicht, grundsätzlich eine eigene Rasse darstellen würden, die nicht kompatibel mit der deutschen sei. Sie seien orientalischer Herkunft und damit fremdvölkisch; allerdings sei bei Mischehen zwischen Deutschblütigen und Fremdvölkischen nach drei Generationen ihr Blut bereits so ausgedünnt, dass es der deutschen Volksgemeinschaft nicht mehr schaden würde.
Doch um einen möglichen Verlust von Rasseneigenschaften vorzubeugen, schlugen die Rassentheoretiker, vor allem jene aus der Nordischen Bewegung, vor, dass sich Deutsche nur noch mit Artverwandten mischen sollten, um so die arischen Komponenten der Rassen aufrechtzuerhalten. Ehen mit Angehörigen minderwertiger Rassen sollten dagegen staatlich verboten werden, um die Rassenreinheit nicht zu gefährden.

Der I. Weltkrieg brachte es mit sich, dass sich vor allem Reichsdeutsche und Deutschösterreicher als ethnische begründete Schicksalsgemeinschaft begriffen, die als deutsch begriff. Mit Elementen des Frontsozialismus verbunden entwickelte sich bis 1933 die NS-Volksgemeinschaft der NSDAP, die sich als antisemitisch, antiklerikal, antiliberal und antidemokratisch sowie antimarxistisch betrachtete und im Wesentlichen auf der Ideologie der Partei fußte.

Die NS-Diktatur unterschied zwischen Reichsbürgern und sogenannten Volksfeinden, die vor allem aus Demokraten, Liberalen, Juden, Zigeunern, Sozialdemokraten und Kommunisten, aber auch durch Bibelforscher, Asozialen und Homosexuellen gebildet wurden. Zweck „Umerziehung“ wurden diese in die bereits ab 1933 errichteten Konzentrationslager eingeliefert.
Infolge der NS-Propaganda stellte die Person Adolf Hitlers den obersten Repräsentanten der deutschen Volksgemeinschaft dar; Du bist nichts — dein Volk ist alles! wurde zum obersten politischen Schlagwort der NS-Volksgemeinschaft, die seit 1935 nur noch aus Volksgenossen bestand. Wer Volksgenosse war, bestimmten die Nürnberger Rassengesetze:

„Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Reichsbürgergesetz vom 15. Sept. 1935, § 4.

Im Zuge nationalsozialistischer Expansionspolitik versuchte die Reichsregierung, neben Österreicher und Sudetendeutschen, auch die Luxemburger und Elsass-Lothringer wieder in die deutsche Volksgemeinschaft einzugliedern. Empfanden sich Erstere durch aus noch als Deutsche und begrüßten mehrheitlich den Anschluss ihrer Siedlungsgebiete an das Deutsche Reich, so empfanden sich Letztere nicht mehr als Teil einer deutschen Volksgemeinschaft.

1945–heute

Seit dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges ist der Begriff der deutschen Volksgemeinschaft Makulatur und obsolet. Zu sehr ist er nun mit den zahlreichen Verbrechen des NS-Regimes verbunden, die vor allem im Namen des deutschen Volkes begangen wurden.
So sehen sich bspw. auch etwa 95 Prozent der heutigen Österreicher nicht mehr als Deutsche, sondern lediglich als eine eigenständige deutschsprachige Nation, die neben den Deutschen besteht.

Um das ethnische/volkliche Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zu erschüttern, wurden vor allem die Bevölkerung in den reichsdeutschen Besatzungszonen gezwungen, Konzentrationslager wie Dachau aufzusuchen und sich dort die Resultate nationalsozialistischer Unterdrückungspolitik anzusehen.
Mit dem Bekanntwerden der Völkermorde in den osteuropäischen Vernichtungslagern distanzierten sich immer mehr Deutsche von der nach ihnen benannten Volksgemeinschaft und verwendeten nun Begriffe wie Gesellschaft und Solidargemeinschaft. Aus der damals häufig verwendeten Formel, dass der Führer nichts von diesen Verbrechen gewusst habe, entwickelte sich das heutige deutsche Geschichtsverständnis und das Bekenntnis, dass sich so etwas nie wieder wiederholen dürfe.

Nach der Etablierung der beiden deutschen Teilstaaten (1949) vermieden die sogenannten Lizenzparteien die Verwendung des Begriffes deutsche Volksgemeinschaft. Eine der ersten bundesdeutschen Parteien, die sich dessen wieder bediente, war die 1952 gegründete Nachfolgeorganisation der NSDAP, die den Namen Sozialistische Reichspartei Deutschlands trug und die bereits 1956 durch das Bundesverfassungsgericht verboten wurde.
Die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands vertrat nach außen die Ansicht, dass nur Deutscher sein könne, der von Deutschen abstamme und sie bekannte sich zum Ethnopluralismus, d. h., zur „Vielfalt der Rassen.“

1970 erschien mit der Deutschen Volksunion eine weitere Rechtspartei, die den klassischen Begriff deutsche Volksgemeinschaft aufgriff und zum größten politischen Konkurrenten der NPD aufstieg. Die DVU verwendete u. a. das MottoIch bin stolz, ein Deutscher zu sein“, das im Weimarer System von der rechtsnationalen DNVP verwendet wurde.
In der breiten Masse ist das Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft einem nationalen Masochismus gewichen, der sich teilweise in einem unterwürfigen Verleugnen nationaler Identität der Deutschen äußert und der mit dem Bekenntnis zur jüngeren deutschen Geschichte begründet wird.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten


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