Deutsche Volksgemeinschaft

Aus Deutsche Geschichte
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Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Deutsche Volksgemeinschaft, auch ~ Sprach~ oder ~ ~nation, seit dem 17. Jh. Sammelbezeichnung aller Deutschbewussten, d. h. aller Deutschen, die über eine deutsche Identität verfügten und sich als Volks- und Solidargemeinschaft auffassten.
Träger dieser Gemeinschaft war anfänglich die Bildungselite, die ab dem 18. Jh. das Konzept einer überstaatlichen deutschen Kulturnation und die dazugehörige Nationalkultur zu entwerfen, dessen Gesamtheit das deutsche Volk ausmachen sollte.

In den 1880er Jahren wurde der Begriff deutsche Volksgemeinschaft durch die Völkischen stark ideologisiert und politisiert, was letztendlich um 1899/1900 die Verknüpfung mit der Rassenfrage zur Folge hatte. Der apolitisch definierte Begriff deutsche Volksgemeinschaft wurde nun strikt mit der Blutlinie (Rasse/Abstammung) verbunden und zum politischen Kampfbegriff der Deutschvölkischen und der Alldeutschen.
Dennoch blieb die Formulierung deutsche Volksgemeinschaft noch lange im Sprachgebrauch der national-völkischen Linken, die sich durch eine programmatisch enge Übereinstimmung mit der sozialistischen Rechten auszeichnete.

Der im I. Weltkrieg entstandene Frontsozialismus verstand unter dem Begriff deutsche Volksgemeinschaft eine klassenlose Gesellschaft, in der alle bisherigen Klassen- und Standesunterschiede de facto als beseitigt angesehen wurden. Er wurde zur Zeit der NS-Diktatur zu einem wesentlichen Dogma der nationalsozialistischen Weltanschauung, die den Begriff deutsche Volksgemeinschaft mit dem Führer- und Personenkult Adolf Hitlers verband und ihn zur NS-Volksgemeinschaft weiterentwickelte.
Die 1935 eingeführten Rassengesetze legten zudem fest, dass deutscher Reichsbürger nur der werden könne, dessen Vorfahren seit mind. drei Generationen als Deutschblütige galten. Damit sollten sog. Fremdvölkische wie Juden und Zigeuner sozial isoliert und ausgeschlossen werden.

Der Neue Brockhaus definierte 1938 den Begriff der Volksgemeinschaft wie folgt:

„Volksgemeinschaft, die auf blutmäßiger Verbundenheit, auf gemeinsamen Schicksal und auf gemeinsamem polit. Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes, der Klassen- und Standesgegensätze fremd sind. Sie ist Ausgang und Ziel der nationalsozial. Weltanschauung und des von ihr getragenen Staates.“

Der Neue Brockhaus, Vierter Band S–Z, Eintrag „Volksgemeinschaft“, S. 608.

Seit dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges gilt der Begriff deutsche Volksgemeinschaft als NS-belastet und wurde durch den der nationalen Solidargemeinschaft ersetzt.

Synonyme

  • Nationale Solidargemeinschaft

Etymologie, Anwendung

Etymologie

Deutsche Volksgemeinschaft ist eng mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen verbunden, die damit eine durch Sprache, Kultur und Geschichte verbundene ethnische Gruppe bezeichneten. Bis in die 1880er Jahre wurde darunter die Gesamtheit aller verstanden, die sich gemäß Sprach- und Kulturnationalismus sprachlich-kulturell als deutsch empfanden. Abstammung und Religion waren damals unerheblich, sodass sich auch assimilierte Juden zum Konzept deutsche Volksgemeinschaft rechnen konnten.

Anwendung

1770–1899

1770 kam im deutschsprachigen Europa die von der damaligen Bildungselite getragene deutsche Bewegung auf, die das als volklich aufgefasste Konzept der Sprach- und Kulturnation begründen sollte. Erstmals seit Aufkommen der Formulierung deutsche Volksgemeinschaft wurde diese politisiert und mit dem Abstammungsprinzip verbunden, obgleich Religion unerheblich war. Diese sozial-politische frühe Nationalbewegung forderte u. a. die Bildung einer deutschen Nationalkultur, dessen Träger die deutsche Nation und deren Siedlungsgebiet im römisch-deutschen Reich ein einheitlicher deutscher Nationalstaat sein sollte. Die politischen Grenzen Deutschlands sollten sich möglichst an die jeweilige Sprachgrenze orientieren.
Um 1798 kam erstmals der Begriff Volksgenosse auf, den damit den Angehörigen des deutschen Volkes und der ihm zugeordneten Volksgemeinschaft bezeichnen sollte.

Nach der Auflösung des römisch-deutschen Reiches (1806) wurde die deutsche Volksgemeinschaft nach und nach Träger des Nationalstaatsgedankens und organisierte sich in der deutschnationalen Bewegung, die regional agierte. Aus dieser heraus entstanden in den Befreiungskriegen deutschnational-großdeutsch orientierte Freikorps und aus diesen wiederum die studentischen Burschenschaften, die sich letztendlich zur Deutschen Burschenschaft zusammenschlossen.

1848/49, zur Zeit der Märzrevolution, schien es, als könne man außen- wie innenpolitisch einen mehrheitlich von Deutschen bewohntes deutsches Reich durchsetzen, das ein moderner Einheitsstaat werden und alle deutschsprachigen Gebiete des damaligen Deutschen Bundes im Gebietsstand von 1839 umfassen sollte. Zudem war das entworfene Demokratiemodell parlamentarisch und sollte die Monarchien ersetzen. Doch wurden bereits 1852 alle demokratischen Neuerungen zurückgenommen und der Status quo von 1848 wiederhergestellt.

1878, sieben Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches im kleindeutschen Rahmen, bildet sich sowohl im Deutschen Reich als auch in Deutschösterreich, den mehrheitlich deutschsprachigen Kronländern Österreich-Ungarns, diverse sozial-politische Bewegungen heraus, die den Begriff deutsche Volksgemeinschaft subjektiv und objektiv als Teil der Rassenfrage sahen. Aus der deutschnationalen Bewegung Deutschlands bspw. ging die völkische und aus ihr wiederum um die Jahrhundertwende die deutschvölkische hervor.
Aber auch die bisher nationalliberal orientierte deutschnationale Bewegung in Österreich radikalisierte sich zunehmend und zerfiel zwischen 1882 und 1885 in zwei konkurrierende politische Lager: in das deutschnational-großdeutsche und in das völkisch-alldeutsche.

Die Völkischen, insbesondere die Deutschvölkischen und Alldeutschen, vertraten nun die Auffassung, dass sich die Menschheit nach Rassenkriterien in diverse Rassenkreise einteilen ließ, deren Eigenschaften durch Vererbung unveränderlich seien. Diese Rassenkreise wurden zum einen in die höherwertigen (den vermeintlich wertvollen) und zum anderen in die minderwertigen unterteilt, zu denen Juden und Zigeuner, aber auch die Mehrheit der slawischen Völker gezählt wurden.
Ethnischer Deutscher, und damit Deutschblütiger bzw. Volksgenosse, war, dessen Vorfahren sich seit mindestens drei Generationen über die Blutlinie von Deutschen (oder artverwandten Blutes) dokumentarisch nachweisen ließ.

1900–1945

Unter Wilhelm II. von Preußen entstand zwischen 1880 und 1900 ein chauvinistisch ausgeprägter Reichsnationalismus, der auch aggressive und imperialistische Züge trug, da er von einem deutschen Sendungsbewusstsein geprägt war.
Die nach 1900 im Deutschen Reich aufkommende deutschvölkische Bewegung, die sich selbst als Erbin der antisemitischen auffasste, wurde im Reich führende Bewegung in puncto Fremdenhass und Rassenantisemitismus, denen sich auch der deutsche Kaiser anschloss.

Galten beim Gros der Völkischen assimilierte und voll in die Gesellschaft integrierte Juden und Judenchristen, aber auch nicht religiöse Reformjuden als Teil des Konzeptes deutsche Volksgemeinschaft, da diese sich als Deutsche empfanden, forderten die Deutschvölkischen nun die Endlösung der Judenfrage; und auch der seit Jahrhunderten latent existierende Antijudaismus wich nun fast vollständig dem Antisemitismus.
Die deutschvölkischen Rassentheoretiker argumentierten, dass Juden, egal getauft oder nicht, grundsätzlich eine eigene Rasse darstellten, die naturgemäß nicht kompatibel mit der deutschen sei. Juden seien orientalischer Herkunft und damit fremdvölkisch; allerdings sei die fremdvölkische Blutlinie, bei Mischehen zwischen Deutschblütigen und Anderen, nach mindestens drei Generationen so ausgedünnt, dass es ab der vierten Generation den Deutschen nicht mehr schaden würde. Um einen möglichen Verlust von positiven Rasseneigenschaften vorzubeugen, schlugen diese Rassentheoretiker vor, v. a. jene aus der nordischen Bewegung, dass sich Deutsche nur noch mit Artverwandte mischen sollten, um so aufgenordet zu werden und die arischen Rassenkomponenten aufrechtzuerhalten. Dagegen sollte die Ehe mit minderwertigen Rassen staatlich verboten werden, um die Rassenreinheit zu gewährleisten.

Während des I. Weltkrieges wuchsen Reichsdeutsche und Deutschösterreicher zu einer verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammen, die sich v. a. durch die deutsche Identität auszeichnete. Im Verbund mit dem Frontsozialismus entwickelte sich bei diesen bis 1933 die Ideologie der NS-Volksgemeinschaft, die sich als antidemokratisch und -semitisch, antiklerikal und -liberal sowie als antimarxistisch betrachtete. Das waren wesentliche Merkmale, die auch in die Ideologie der NSDAP übernommen wurden.

Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft unterschied ab 1935 zwischen Reichsbürgern und sog. Volksfeinden, die v. a. aus Demokraten, Liberalen, Juden, Zigeunern usw., aber auch durch Asoziale, Homosexuelle und Bibelforscher gebildet wurden. Zwecks sog. Umerziehung wurde diese bereits ab 1933 in eigens dafür eingerichtete Konzentrationslager eingewiesen. Die NS-Propaganda stellte zudem den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler als die oberste Instanz des Konzeptes deutsche Volksgemeinschaft dar.
Du bist nichts – Dein Volk ist alles!“ war ein beliebtes Schlagwort jener Zeit. Individualität des Einzelnen galt nicht mehr, gefragt und gefordert wurde der sog. Kadavergehorsam, der streng nach dem Führer- und Gefolgschaftsprinzip reglementiert war. Wer Reichsbürger, und damit Volksgenosse, war, bestimmten die Nürnberger Rassengesetze, wie das nachfolgende Zitat aufzeigt:

„Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Reichsbürgergesetz vom 15. Sept. 1935, § 4

1940–1945 waren weite Teile Europas von der Deutschen Wehrmacht militärisch besetzt. So versuchte die deutsche Reichsregierung auch dort, deutschsprachige Bevölkerungsteile anderer Staaten in die deutsche Volksgemeinschaft einzugliedern, nachdem sie dieses bereits 1938/39 mit den Österreichern, Sudetendeutsche und Danziger gemacht hatte. Anhänger der regionalen volksdeutschen Bewegungen begrüßten die Annexionen ihrer Siedlungsgebiete durch das Großdeutsche Reich. Doch die Masse der Deutschluxemburger und Elsass-Lothringer lehnten diese kategorisch ab.

1945–heute

Seit dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges ist der Begriff deutsche Volksgemeinschaft Makulatur und gilt als obsolet. Zudem gilt er durch den Missbrauch durch die Nationalsozialisten als NS-belastet, die mit den „im Namen des Deutschen Volkes“ begangenen Verbrechen begründet werden.
So sehen sich bspw. heute etwa 95 v. H. der Österreicher nicht mehr als Deutsche, sondern als eigenständige deutschsprachige Nation, die neben der deutschen besteht. Ähnlich sieht es in der Deutschschweiz und in Luxemburg sowie in Elsass-Lothringen aus.

Um das ethnische Konzept deutsche Volksgemeinschaft zu erschüttern und zu zerstören, wurde v. a. die Wohnbevölkerung der alliierten Besatzungszonen durch die Siegermächte gezwungen, Konzentrationslager wie Dachau aufzusuchen und sich dort die Resultate der NS-Unterdrückungspolitik anzusehen.
Mit dem Bekanntwerden der Völkermorde in den osteuropäischen Vernichtungslagern distanzierte sich die deutsche Bevölkerung immer mehr von der nach ihr benannten Volksgemeinschaft und sie verwendete nun stellvertretend die Begriffe Gesellschaft und Solidargemeinschaft.

Aus der in den 1950er bis 1970er Jahren vielfach entschuldigenden Formel „Davon hat der Führer nichts gewusst!“ (was aus der Sicht der Betroffenen aussagen sollte, wenn es der Führer und Reichskanzler es nicht hatte wissen können, woher hätten sie das wissen sollen?) entwickelte sich das heutige Bekenntnis zur jüngeren deutschen Geschichte, mit der Schlussfolgerung, dass sich so etwas nicht mehr wiederholen sollte.

Nachdem 1949 durch die Vier Mächte die beiden Teilstaaten etabliert wurden, vermieden die dort aktiv tätigen Lizenzparteien den Begriff deutsche Volksgemeinschaft bewusst. Eine der ersten Parteien, die sich wieder auf diese berief, war die 1952 gegründete und bereits 1956 wieder verbotene Sozialistische Reichspartei Deutschlands, die vom Karlsruher Bundesverfassungsgericht als eindeutige Nachfolgeorganisation der NSDAP eingestuft wurde.
Die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) vertrat nach außen, dass Deutscher nur der sein könne, der von Deutschen abstamme. Die geforderte Rassentrennung erklärte sie mit ihrem Bekenntnis zum Ethnopluralismus, d. h. zur „Vielfalt der Rassen“.

1970 erschien mit der Deutschen Volksunion (DVU) eine weitere Rechtspartei, die den klassischen Begriff deutsche Volksgemeinschaft aufgriff und langsam zum größten politischen Konkurrenten der NPD aufstieg. So verwendete die DVU ein Motto, dass bereits in ähnlicher Form von den Deutschnationalen unter Alfred Hugenberg (1865–1951) verwendet wurde: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!“. Dabei stand dieses Motto damals dafür, dass die DNVP gegen das von ihnen verhasste System agierte, obgleich sie politisch voll in dieses integriert war.

Die breite Masse der heutigen Deutschen sieht sich nicht mehr als Teil einer Volksgemeinschaft, sondern vielmehr bekennt sich zu einem – von den radikalen und extremen Rechten so titulierten – nationalen Masochismus, der sich in einem unterwürfigen Verleugnen der eigenen Identität und einem Hass auf die eigene Nation (antideutsche Bewegung, antinationale Bewegung) sowie auf eine extreme Ausländer- und Fremdenliebe äußerte. Begründet wurde dieses mit dem Bekenntnis zur jüngeren deutschen Geschichte.

2013 entstand aus einer Abspaltung der CDU heraus die Alternative für Deutschland (AfD), die damit in die Nachfolge der 1983 aus Abspaltung der CSU entstandenen Partei Die Republikaner (REP) antrat, ohne dieses jedoch zu wollen. Beide entstanden aus dem damaligen Zeitgeist heraus, gegen die aktuelle Politik der Unionsparteien zu agieren. Die REP protestierten seinerzeit gegen den von Franz Josef Strauß (1915–1988) in die Wege geleiteten Mrd.-Kredit an die damalige DDR, die AfD aus der bundesdeutschen Haltung zur Eurokrise.
Beide, REP und AfD, gaben sich anfänglich als werte- und nationalkonservativ. Öffneten sich aber auch weit zur politischen Rechten. 2014 entstand die PEGIDA, als „Bollwerk der Überfremdung“ und der Islamisierung des Abendlandes. Heute arbeiten AfD und PEGIDA zusammen, was negative Auswirkungen auf die sog. Mainstreammedien, d. h. auf alle relevanten Medien, hat. Diese bezeichnen beide inzwischen als „neu-völkische“ und „rechtsextreme“ Organisationen, da AfD und PEGIDA offen den von Angela Merkel vertretene Außenpolitik der „offenen Grenzen“ gegenüber Flüchtlingen kritisieren. „Deutschland soll deutsch bleiben!“ argumentieren inzwischen beide, was ein Bekenntnis zum Ethnopluralismus darstellt.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten


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