Reichsgebiet

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Dieser Artikel behandelt den verfassungsrechtlichen Terminus „Reichsgebiet“ in Bezug auf das Deutsche Reich. Für das Staatsgebiet übriger Monarchien siehe: Reichsgebiet (Begriffsklärung).

(Deutsches) Reichsgebiet, amtlicher Terminus zur Bezeichnung des Staatsgebietes des am 18. Januar 1871 ausgerufenen Deutschen Reiches.

Der Begriff ist eng mit dem des Reichsgedankens verbunden und wird oft fälschlich mit Deutschland gleichgesetzt. Die Begriffe Territorium des Deutschen Reiches und deutsches Staatsgebiet werden synonym verwendet.

Nach verfassungsrechtlicher Auffassung der Bundesrepublik Deutschland wird der Begriff „Reichsgebiet“ auf das Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 bezogen, dass an diesem Tage 470 713 km² umfasste. Doch wie es nachfolgend nachgewiesen wird, variierte dessen Größe in der deutschen Nachkriegszeit. Daher wird in diesem Artikel die Flächenangabe des Neuen Brockhaus (1938) als maßgeblich betrachtet, da dieser eine zeitgenössische Quelle darstellt.

Definition

Hauptartikel: Heiliges Römisches Reich

Der Terminus „Reichsgebiet“ ist eng mit dem Reichsgedanken des Fränkischen Großreiches und mit dessen Territorium verbunden. Im 15. Jahrhundert schränkte sich der Begriff mehr auf den deutschen Teil des Heiligen Römischen Reiches ein und die Reichsgrenzen stimmten im Wesentlichen mit denen des deutschen Königreichs überein. Letztendlich agierte das Reich seit dem 15. Jahrhundert unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „deutsches Reich“.

Deutsches Reich (1871–1918)

Am 18. Januar 1871 ward im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich in Form eines Kaiserreiches ausgerufen. Dieses umfasste nach dem Frankfurter Frieden (Mai 1871) 540 858 km². Nachdem in den 1880er Jahren die Schutzgebiete erworben wurden, betrug das deutsche Reichsgebiet am Vorabend des Ersten Weltkrieges 3 490 858 km².

Seit dem 22. Juni 1913 wurde im Reich offiziell zwischen mittelbares und unmittelbares Reichsgebiet unterschieden. Ersteres umfasste die Bundesstaaten, deren Bewohner die mittelbare Reichsangehörigkeit besaßen. Letzteres umfasste die deutschen Schutzgebiete, deren Bewohner über die unmittelbare Reichsangehörigkeit (Kolonialzugehörigkeit) besaßen.

Deutsches Reich (1918–1933)

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg musste das Reich enorme Gebietsverluste hinnehmen. So verlor es unter anderem alle Schutzgebiete. Nachdem am 12. November 1918 Deutschösterreich seinen völkerrechtlichen Anschluss an das Reich erklärt hatte, betrug der Umfang des Reichsgebietes über 586 427 km². 1919 musste jedoch der Anschluss Österreichs rückgängig gemacht werden. Auch an den Reichsgrenzen wurden Gebietsabtretungen vorgenommen. So umfasste das Reichsgebiet im Januar 1920 nur noch 468 116 km².

Deutsches Reich (1933–1939)

Am 30. Januar 1933 ward Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Er begann sofort, die bestehenden europäischen Staatsgrenzen zu stellen. So konnte das Reichsgebiet 1935, mit dem Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich, auf 468 787 km² vergrößert werden.

Am 12. März 1938 überschritten Truppenverbände der Deutschen Wehrmacht, der SS-Verfügungstruppe und der Polizei die Deutsch-Österreichischen Grenzen und am 13. März erklärte die nationalsozialistische Regierung Seyß-Inquart den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Das von Hitler proklamierte „großdeutsche Volksreich“ nahm in der Folgezeit weitere Gebietserweiterungen vor. So gliederte es das Sudetenland an und am Vorabend des Zweiten Weltkrieges betrug sein Gebietsstand 633 786 km².

Deutsches Reich (1939–1945)

1940 befand sich der nun mehr „Großdeutsches Reich“ genannte deutsche Nationalstaat auf dem Zenit seiner Macht und umfasste 894 227 km². Allein der Anteil deutschen Sprachgebietes betrug rund 700 000 km², der Rest umfasste fremdsprachige Gebiete.

Rechtslage des Deutschen Reiches nach 1945

Bereits 1944 wurden von den späteren Kriegssiegern festgelegt, dass bei Ende des Krieges die deutschen Grenzen auf die des Altreiches zurückgenommen werden sollten. Dieser alliierten Vorgabe liegt auch der Terminus „Deutschland als Ganzes“ zugrunde, der von der Bundesrepublik Deutschland übernommen ward, und das 470 987 km² umfassen sollte[1][2].

Das Reichsgebiet setzte sich wie folgt zusammen[3]:

Diese Definition von „deutsches Reichsgebiet“ galt de jure bis zur Vereinigung beider deutschen Teilstaaten staats- wie völkerrechtlich, obgleich es sich seit den deutschen Ostverträgen in der bundesdeutschen Politik de facto durchgesetzt hatte, die Forderung einer deutschen Wiedervereinigung nur noch auf die drei Erstgenannten zu beziehen.

Reichsgebiet = Bundesgebiet

Mit der deutsch-deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 ward vom Vereinten Deutschland der Gebietsanspruch auf die deutschen Ostgebiete aufgegeben, wobei diesen den Vorgaben der Zwei-plus-Vier-Verträge folgte, die die deutsche Ostgrenze auf die Oder-Neiße-Linie festlegte. Noch im Sommer 1990 beschlossen DDR-Volkskammer und Bundestag taggleich, dass die Gültigkeit des Görlitzer Abkommens (1950) und der Warschauer Vertrages (1970) die deutsche Garantieerklärung an Polen sei, dass die Oder-Neiße-Linie dessen westliche Staatsgrenze darstelle.

Das Vereinte Deutschland, das seit Oktober 1990 international und national nur noch als „Deutschland“ auftritt und als solches agiert (die offizielle Namensform „Bundesrepublik Deutschland“ wird kaum noch verwendet), geht davon aus, dass dessen Bundesgebiet mit dem deutschen Reichsgebiet und dieses mit dem Reich voll identisch seien und dieses nunmehr 357 340 km² betrage, obgleich darauf hingewiesen werden muss, dass es bis heute keinen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag gibt, der die östlichen Landesteile in Form der Ostgebiete vom Deutschen Reich abgetrennt hat. (→ Deutschland als Ganzes)

Die traditionelle Reichsidee, die sich am Festhalten der Formel Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 äußerst, wird nur noch von der radikalen Rechten und Teilen der deutschen Heimatvertriebenen vertreten, die sich auf die alliierte Zusicherung berufen, dass die endgültige Berichtigung der deutschen Grenzen allein einem Friedensvertrag vorenthalten bleibt:

„Als ich dabei blieb, das Deutschland von 1937 zum Ausgangspunkt unserer Diskussion zu machen, schlossen sich Stalin und Churchill schließlich diesem Vorschlag an, und als Vorsitzender gab ich bekannt, daß das Deutschland des Versailler Vertrages, wie es 1937 bestanden hatte, als Diskussionsgrundlage zu betrachten sei.“

Harry S. Trumen: „Memoiren“, Bd. 1, S. 346; zitiert nach: Helmut Berschin: „Deutschland – ein Name im Wandel“, S. 30

Demnach stellen die deutschen Ostgebiete okkupierte Gebiete dar, die widerrechtlich von Polen und Russland gefallen waren. De facto werden diese als annektiert betrachtet, was dem geltenden Völkerrecht widerspricht und werden von diesen Kreisen de jure weiterhin zum Gebietsstand des Deutschen Reiches gerechnet.

Siehe auch

Fußnoten

  1. Hier variiert die Flächenangabe des Reiches (nach Bertelsmann Weltatlas) um insgesamt 247 km². Diese Differenz könnte durch Rundungsfehler oder aber durch erfolgte Grenzberichtigungen erklärbar sein.
  2. Die Flächenangabe des Deutschen Reiches wird in „Gabler Volkswirtschafts-Lexikon“ mit 470 400 km² angegeben. Doch ein Quellennachweis dieser Angabe fehlt dort. (Kapitel „Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1989/90“, S. 1303)
  3. Bertelsmann Weltatlas, Bertelsmann-Lexikon-Redaktion, 10. Auflage 1954, S. 73


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