Deutsche Reichsgebiete

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Deutsche Reichsgebiete [ˈdɔɪ̯ʧə ˈʀaɪ̯çsɡəˌbiːtə] pl., geschichtswissenschaftliche Bezeichnung aller zum Römisch-Deutschen Reich gehörenden Territorien. Darunter sind sowohl deutsche wie auch burgundische (als Rest des alten burgundischen Königreiches) und italienische Gebiete zu verstehen.

Deutsches Reichsgebiet [ˈdɔɪ̯tʃəs ˈʀaɪ̯çsɡəˌbiːt] sg., seit dem 18. Jan. 1871 offizielle Bezeichnung des deutschen Staatsgebietes, dessen räumliche Ausdehnung seit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht (8. Mai 1945) und der Etablierung zweier deutscher Teilstaaten (1949) obsolet ist. Anstelle eines deutschen Reichsgebietes wurde nun bis zum 3. Okt. 1990 vom Deutschland in den Grenzen vom 31. Dez. 1937 gesprochen, wenn man dieses meinte.

Nach heutiger Auffassung ist Deutschland seit der staatlichen Vereinigung der ehemaligen BR Dtschld. mit der damaligen DDR sowohl völker- als auch staatsrechtlich vollidentisch, auch wenn diese Vollidentität nie offen angezeigt wurde. Das deutsche Reichsgebiet umfasste Ende Dez. 1937 offiziell 470 713 qkm, doch wurde und wird in der deutschen Geschichtswissenschaft und der Staatsrechtslehre vielfach von anderen Ausdehnungen ausgegangen. Daher wird in diesem Artikel das deutsche Staatsgebiet als Reichsgebiet betrachtet, dessen Größe im Neuen Brockhaus (1938) angegeben wurde, da dieser eine zeitgenössische Primärquelle darstellt.

Synonyme

Anwendung

Römisch-Deutsches Reich

Die Formulierung deutsche Reichsgebiete sind eng mit dem römisch-deutschen Reichsgedanken verbunden, der seinen Anfang im Frankenreich nahm und mit dessen Expansion verbunden ist.

Im 15. Jh. umfassten die deutschen Reichsgebiete im Wesentlichen nur noch jene Teile des Römisch-Deutschen Reiches, die dem Deutschen König bzw. dem Römisch-Deutschen Kaiser als Reichsländer untertan waren:

  1. deutsches Königreich
  2. Deutsch-Burgund
  3. Böhmen-Mähren

Seit 1486 agierte das Römisch-Deutsche Reich überwiegend unter der Bezeichnung deutsches Reich und definierte sein Territorium als Deutschland.

Um 1000 betrug die Größe der deutschen Reichsgebiete etwa 3 288 396 qkm[1] die bis 1618 auf etwa 965 195 qkm zurückgingen. Nach dem Westfälischen Frieden (1648) bestanden die deutschen Reichsgebiete aus einer Fläche von etwa 699 031 qkm, deren Größe bis 1775 auf etwa 665 423 qkm zurückgenommen wurden. 1801 betrugen die deutschen Reichsgebiete etwa 638 192 qkm.

Deutsches Reich (1871–1945)

Am 18. Jan. 1871 wurde im Versailler Spiegelsaal das Deutsche Reich in Form eines Kaiserreiches ausgerufen. Nach dem Frankfurter Frieden vom Mai 1871 umfasste das Deutsche Kaiserreich 540 858 qkm. Es erwarb zudem in den 1880er Jahren zahlreiche Schutzgebiete, sodass am Vorabend des I. Weltkrieges das deutsche Reichsgebiet 3 490 858 qkm umfasste.

Im Deutschen Reich wurde seit dem 22. Juni 1914 offiziell zwischen mittelbares und unmittelbares Reichsgebiet unterschieden. Ersteres umfasste das eigentliche deutsche Reichsgebiet mit den 25 Bundesstaaten und einem deutschen Reichsland (Elsass-Lothringen). Letzteres beschränkte sich auf die Schutzgebiete, deren Wohnbevölkerung über die unmittelbare Reichsangehörigkeit verfügte.

1918–1922 erfuhr das Deutsche Reich in der Form der Weimarer Republik zahlreiche Gebietsabtretungen, die Folge des Versailler Vertrages waren. Zuvor hatte bereits am 12. Nov. 1918 Deutschösterreich seinen völkerrechtlichen Anschluss an das Deutsche Reich erklärt, sodass das deutsche Reichsgebiet in Mitteleuropa auf 586 427 qkm anstieg. Nach den ersten Abtretungen, ohne Berücksichtigung, dass Österreich 1919 (nach Willen der Triple Entente) selbstständig werden musste, umfasste das deutsche Reichsgebiet im Jan. 1920 nur noch 468 116 qkm.

Bis 1933 waren alle demokratisch legitimierten Reichsregierungen bemüht, Grenzberichtigungen herbeizuführen, wobei v. a. die als ungerecht empfundene deutsch-polnische Grenze verstanden wurde. Aber auch die Abtrennung Österreichs und des Saargebietes wurde bei vielen Deutschen als sog. nationale Schmach verstanden, die auch hier wieder eine Wiedervereinigung verlangten. Zudem sollte auch Eupen-Malmedy wieder zum Reich gelangen.
Am 30. Jan. 1933 wurde der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, zum deutschen Reichskanzler ernannt, der sofort begann, alle europäischen Staatsgrenzen infrage zu stellen. Ihm gelang es, unter der Prämisse, dass er nur das den Deutschen vorenthaltene Selbstbestimmungsrecht der Völker umsetze, bereits 1935 den Anschluss des Saarlandes an das Deutsche Reich durchzuführen, worauf sich das deutsche Reichsgebiet auf nunmehr 468 787 qkm vergrößerte.

Am 12.6&nabsp;März 1938 erfolgte der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht (sog. Unternehmen Otto), der auch Truppenverbände der kasernierten SS-Verbände und der deutschen Polizei folgten, in Österreich, wo bereits einen Tag später die nationalsozialistische Regierung Seyß-Inquart den Anschluss erklärte. Das von Adolf Hitler etwas später deklarierte Großdeutsche Volksreich umfasste am Vorabend des II. Weltkrieges, nachdem noch weitere Gebietserweiterungen erfolgt waren, 633 786 qkm.
Auf dem Zenit seiner Macht (1940) umfasste das Großdeutsche Reich 894 227 qkm, wobei der Anteil des geschlossen deutschen Sprach- und Siedlungsgebietes nahezu 700 000 qkm betrug.

Rechtslage des Deutschen Reiches nach 1945

Bereits 1944 wurden von den späteren Kriegssiegern festgelegt, dass bei Ende des Krieges die deutschen Grenzen auf die des Altreiches zurückgenommen werden sollten. Dieser alliierten Vorgabe liegt auch der die Formulierung Deutschland als Ganzes zugrunde, die auch von der damaligen Bundesrepublik Deutschland übernommen wurde. Das von den Alliierten definierte Deutschland sollte zudem 470 987 qkm umfassen.[2][3]

Das deutsche Reichsgebiet setzte sich wie folgt zusammen:[4][5]

Diese Definition von deutsches Reichsgebiet galt de jure bis zur Vereinigung beider deutschen Teilstaaten staats- wie völkerrechtlich, obgleich es sich seit den deutschen Ostverträgen in der bundesdeutschen Politik de facto durchgesetzt hatte, die Forderung einer deutschen Wiedervereinigung nur noch auf die drei Erstgenannten zu beziehen.

Reichsgebiet = Bundesgebiet

Mit der deutsch-deutschen Vereinigung am 3. Okt. 1990 wurde vom Vereinten Deutschland' der Zwei-plus-Vier-Verträge der Gebietsanspruch auf die deutschen Ostgebiete aufgegeben, wobei diesen den Vorgaben der Zwei-plus-Vier-Verträge folgte, die die deutsche Ostgrenze auf die Oder-Neiße-Linie festlegte. Noch im Sommer 1990 beschlossen die Volkskammer der DDR und Bundestag taggleich, dass die Gültigkeit des Görlitzer Abkommens (1950) und der Warschauer Vertrages (1970) die deutsche Garantieerklärung an Polen sei, dass die Oder-Neiße-Linie dessen westliche Staatsgrenze darstelle.

Das heutige Deutschland geht davon aus, dass das Bundesgebiet mit dem deutschen Reichsgebiet vollidentisch ist und dieses aktuell 357 340 qkm betrage, obgleich darauf hingewiesen werden muss, dass es bis heute keinen völkerrechtlichen verbindlichen Vertrag gibt, der die östlichen Landesteile in Form der deutschen Ostgebiete vom Deutschen Reich abgetrennt hat.

Die traditionelle Reichsidee, die sich am Festhalten der Formel Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 äußerst, wird nur noch von der radikalen Rechten und Teilen der deutschen Heimatvertriebenen vertreten, die sich auf die alliierte Zusicherung berufen, dass die endgültige Berichtigung der deutschen Grenzen allein einem Friedensvertrag vorenthalten bleibt:

„Als ich dabei blieb, das Deutschland von 1937 zum Ausgangspunkt unserer Diskussion zu machen, schlossen sich Stalin und Churchill schließlich diesem Vorschlag an, und als Vorsitzender gab ich bekannt, daß das Deutschland des Versailler Vertrages, wie es 1937 bestanden hatte, als Diskussionsgrundlage zu betrachten sei.“

Harry S. Trumen: „Memoiren“, Bd. 1, S. 346; zitiert nach: Helmut Berschin: „Deutschland – ein Name im Wandel“, S. 30

Demnach stellen die deutschen Ostgebiete weiterhin okkupierte Gebiete dar, die widerrechtlich von Polen und Russland gefallen sind. De facto werden diese als annektiert betrachtet, was dem geltenden Völkerrecht widerspricht und werden von diesen Kreisen de jure weiterhin zum Gebietsstand des Deutschen Reiches gerechnet.

Siehe auch

Fußnoten

  1. Das Territorium des frühen Römisch-Deutschen Reiches umfassten neben dem deutschen Königreich auch das Königreich Burgund, Böhmen, Mähren und Reichsitalien.,
  2. Hier variiert die Flächenangabe des Reiches (nach Bertelsmann Weltatlas) um insgesamt 247 km². Diese Differenz könnte durch Rundungsfehler oder aber durch erfolgte Grenzberichtigungen erklärbar sein.
  3. Die Flächenangabe des Deutschen Reiches wird in „Gabler Volkswirtschafts-Lexikon“ mit 470 400 qkm angegeben. Doch ein Quellennachweis dieser Angabe fehlt dort. (Kapitel „Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1989/90“, S. 1303)
  4. Bertelsmann Weltatlas, Bertelsmann-Lexikon-Redaktion, 10. Auflage 1954, S. 73
  5. Der Bertelsmann Weltatlas, 29. Auflage 1959, S. 73, führt abweichend folgende Flächenmaße auf: BR Dtschld.: 247 947 qkm, Sowjetzone: 107 670 qkm, Groß-Berlin: 884 qkm, Dt. Ostgebiete: 114 031 qkm


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