Deutsche Sprachgebiete

(Weitergeleitet von Deutsches Sprachgebiet)
    Deutsche Sprachgebiete heute.
    Ehemalige deutsche Sprachgebiete. Seit 1945/50 praktisch nicht mehr existent.


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Vorgaben des Dudens.

Deutsche Sprachgebiete [ˈdɔɪ̯ʧə ˈʃpʀaːχɡəˌbiːtə] pl., auch deutsche Sprachräume [ˈdɔɪ̯ʧə ˈʃpʀaːχˌʀɔɪ̯mə], ethnografisch-soziologische und sprachwissenschaftliche Sammelbezeichnung aller Gebiete und Regionen, deren kontinentalwestgermanische Sprachen heute weder zum Englischen, Friesischen oder Niederländischen gezählt werden und die unter Einfluss der neuhochdeutschen bzw. standarddeutschen Dachsprache eine deutsche Sprachgemeinschaft herausgebildet hat, die sich sprachlich-kulturell mit den übrigen Sprachgebieten organisch verbunden fühlen.

Das Deutsche bildet auch in fremdsprachigen Gebieten zahlreiche Sprachinseln, die dort ebenfalls als deutsche Sprachgebiete gelten, jedoch räumlich von den geschlossenen abgetrennt sind. Zudem ist es in zahlreiche Dialekte gegliedert, deren Problematik darin besteht, dass sie sich nicht vom benachbarten niederländischen Sprachgebiet eindeutig trennen lassen, da zwischen ihnen und den angrenzenden niederländischen Dialekten ein enges Kontinuum besteht. Beiwort ist deutsch.

Inhaltsverzeichnis

Synonyme

Fläche, Einwohner

    Deutsche Siedlungsgebiete
    Deutsche Vertreibungsgebiete

Die Staatsgebiete der Bundesrepublik Deutschland (bis Okt. 1990 auch die Deutsche Demokratische Republik), Österreich und Liechtenstein sowie die Deutschschweiz gehören heute den geschlossenen deutschen Sprachgebieten Mitteleuropas an.
Darüber hinaus gehören ihm auch die Regionen Deutschbelgien, Nordschleswig südlich der sog. Tiedje-Linie und Südtirol an. Luxemburg wird diesen heute allgemein nicht mehr zugerechnet, da es das Luxemburger Deutsch inzwischen nicht mehr als seine Kultur-, sondern als Fremdsprache betrachtet.

Flächenmäßig machen die deutschsprachigen Staaten Europas einschließlich der Deutschschweiz ca. 473 651,517 qkm mit 93 579 089 Einwohnern aus.
Mit Einschluss Luxemburgs und Elsass-Lothringens, die sich selbst der Sprache nach nicht mehr als Deutsche betrachten, erhöhen sich die geschlossenen deutschen Sprachgebiete auf rund 490 759,917 qkm und etwa 96 020 379 Einwohner. In den 1920er und 1930er Jahren wurden sie auf zwischen 606 000[2] und 652 000 qkm festgelegt.[3] Erster Raum definierte die rein deutschen Sprachgebiete ohne Einschluss des sprachverwandten niederländischen Sprachgebietes, zweiter mit Einschluss desselben, wobei es auch diesbezüglich Abweichungen gab. So definierte der Nationalsozialist Rudolf Jung 1922 das deutsche Sprachgebiet auf 686 090 qkm.[4]
Der Österreichisch-Deutsche Volksbund definierte die deutschen Sprachgebiete, die er mit dem Siedlungsgebiet gleichsetzte, auf 672 780 qkm[5], sodass man abschließend sagen kann, dass diese einschließlich der Sprachinseln Osteuropas etwa 700 000 qkm ausmachten.

Im 19. Jh. war es allgemein üblich, auch die niederländischen Sprachgebiete den deutschen zuzurechnen und diese als niederdeutsches Sprachgebiet in Holland und Belgien einzufordern. Aus dieser damaligen Ansicht heraus sei das nachfolgende Zitat angeführt, dass das geschlossene deutsche Sprachgebiet anhand der Sprachgrenze umreißt:

„Fassen wir nun die Scheidelinien der deutschen Sprachgrenze näher ins Auge. Sie beginnt mit der Herrschaft der flämischen Zunge an der Nordsee zwischen Calais und Gravelingen, dann eine beinahe rein östliche Richtung gegen die Maas, überschreitet diesen Strom bei Maastricht und Lüttich und wendet sich dann südlich bis zu dem piemontesischen Dorf Issime zwischen dem Monte Rosa und Turin. Von da an zieht sie sich wieder in östlicher Richtung bis zum Dorf Pontafel (Pontebba) in den Kärnter Alpen. Die Linie von Gravelingen bis Issime, die Belgien in zwei Sprachgebiete – ein größeres, deutsches, und ein kleineres, romanisches – trennt, umfasst das preußische Rheinland mit Ausnahme von Malmedy, von Luxemburg die Hauptstadt mit der östlichen Landeshälfte, von Franzosisch-Lothringen die Hälfte des Moseldepartements, jedoch ohne Metz, sodann ein Stück des Meurthedepartemets und ganz Elsaß, endlich von der westlichen Schweiz Basel, Solothurn, Bern (mit Ausnahme des Pruntruter Landes), halb Freiburg und Oberwallis und von Piemont einige Talgemeinden um den Monte Rosa als deutsches Sprachgebiet gegenüber dem romanischen. In Graubünden herrscht gutenteils italienische Zunge; südlich von Trient in den venetischen Alpen tauchen die sieben und die dreizehn Kommunen als deutsche Sprachinseln hervor. Bei Pontafel treffen die Gebiete der deutschen, der italienischen und der slawischen Sprache zusammen. (…) Solange hier noch die östliche Richtung herrscht, folgt die Grenze der Drau in einiger Entfernung von deren linken Ufer, so daß Villach zur deutschen, Klagenfurt und Marburg aber zur slawischen Zunge fallen. (…) In der Donauebene wird das Slawische in der Begrenzung unserer Sprache für einige Zeit vom Magyarischen abgelöst. Aber hart am linken Ufer des großen Flusses, wenig oberhalb Preßburgs, nimmt es seine Stelle wieder ein und hält sich an unserer Seite bis an das Gestade des Baltischen Meeres. Die Grenzlinie ist jedoch hier so gewunden, daß in ihr schon auf dem ersten Blick das Werk eines lang und ungleich wogenden Kampfes vor Augen tritt. (…) In dieser Breite greift dann der slawische Sprachkontinent mittels Böhmens weit in den deutschen hinein. (…) Ein Werk der vollständigen Eroberung hingegen – und zwar nicht weniger gegen die Slawen als gegen den Stamm der Litauer, zu dem die Preußen zählten – ist die Herrschaft der deutschen Sprache im Küstenland von Danzig, Elbing, Königsberg. Dieses Gebiet hängt mit dem großen deutschen Sprachkontinent nicht unmittelbar zusammen, wohl aber stößt es ans Meer und gibt sich so als Folge einer Kolonisierung zu erkennen (…). Gegen Mitternacht zieht sich die Grenze zwischen Dänisch und Deutsch, die an der Wiedau bei Tondern anhebt, in südöstlicher Richtung bis beinahe in die Mitte zwischen Husum und Schleswig und wendet sich von da wieder nordöstlich nach dem Meerbusen bei Flensburg, so daß Tondern im dänischen, Schleswig und Flensburg im deutschen Sprachgebiet liegen. Dies sind die Grenzen, die das deutsche Volk mit seiner Sprache gezogen hat. (…)“

Eduart Duller: „Das deutsche Volk in seinen Mundarten, Sitten, Bräuchen und Trachten“, S. 9–12

Zur Zeit der NS-Diktatur (1933/45) wurde bis 1942/43 der überwiegende Teil der deutschen Sprachgebiete im Großdeutschen Reich Adolf Hitlers zusammengeschlossen, dass auf seinem Zenit 674 131 qkm umfasste; lediglich die Deutschschweiz und Liechtenstein[4] sowie das Walsergebiet im italienischen Aostatal gehörten diesem nicht an.

Nach dem II. Weltkrieg verringerte sich die deutschen Sprachgebiete um etwa 142 000 qkm und sie zogen sich infolge der Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung auf eine Linie zurück, die im Wesentlichen jener entsprach, die um 962 bestanden hatte.

Etymologie, Anwendung

Der Begriff deutsche Sprachgebiete ist eng mit der deutschen Sprachgeschichte verbunden. Das Deutsche gilt als eine Tochtersprache des Kontinentalwestgermanischen und ist damit auf das Engste mit dem Niederländischen, aber auch mit dem Friesischen und entfernt mit dem Englischen verwandt.
Bis 1066 bestand zwischen ihnen ein enges Dialektkontinuum, das sich nach und nach auflöste, sodass zwischen Friesisch und Englisch bzw. zwischen Deutsch und Englisch keine mündliche wie schriftliche Verstehbarkeit mehr gegeben ist.

Bis ins 20. Jh. wurde auch das Niederländische zum Deutschen gezählt, wie der nachfolgende Abschnitt beschreiben wird.

Verhältnis zum niederländischen Sprachraum

Sprachlandschaften:
    Niederdeutsch in Deutschland
    Niederdeutsch (Nedersaksisch) in den Niederlanden
    Ehemaliges niederdeutsches Sprachgebiet. Seit 1945/50 praktisch nicht mehr existent.

    Mitteldeutsch in Deutschland
    Sonstiges mitteldeutsches Sprachgebiet
    Ehemaliges mitteldeutsches Sprachgebiet. Seit 1945/50 praktisch nicht mehr existent.

    Oberdeutsch in Deutschland
    Sonstiges oberdeutsches Sprachgebiet
    Ehemaliges oberdeutsches Sprachgebiet. Seit 1945/50 praktisch nicht mehr existent.

    Niederfränkisch in Deutschland
    Sonstiges niederfränkisches Sprachgebiet

    Friesisch in Deutschland
    Sonstiges friesisches Sprachgebiet

Die Germanistik sah lange Zeit, wie bereits oben ausgeführt, das niederländische Sprachgebiet aufgrund seiner sehr nahen Verwandtschaft mit dem Niederdeutschen als einen organischen Teil desselben. Das Neuniederländische galt als Sonder- oder Nebenform des Neuniederdeutschen und damit als Bestandteil einer sich als deutsch begreifenden Sprache. Und darin ist auch die Problematik des Niederländischen in seinem Verhältnis zum Deutschen begründet, da sich Ersteres im 12. Jh. selbst als Duutsch oder Dietsch (d. i. Volkssprache), im 16. Jh. als Duytsch und ab dem 17. Jh. an als Nederduitsch bezeichnete. Daher wurde die niederländische Literatur auch bis in die 1960er Jahre als Teil der deutschen empfunden.

Die Zuordnung der niederländischen Sprachgebiete in das (nieder)deutsche, erfolgte aus der damaligen Stammbaumtheorie heraus, da auch die niederländischen Dialekte einst Sprachen deutscher Stämme (Niederfranken, Niedersachsen und Friesen) gewesen seien. Zudem war im 19. Jh. die deutsch-niederländische Sprachgrenze noch sehr jung und hatte sich noch nicht vollends ausgebildet; im Niederrheingebiet war das Niederländische selbst erst um 1860 vom Deutschen abgelöst worden. Erschwerend kam hinzu, wie der belgische Germanist Jan Goossens feststellte, dass deutsche Dialekte immer „niederländischer“ wurden, je weiter sie nach Nordwesten kamen, indes niederländische Dialekte immer „deutscher“ wurden, je näher diese nach Südosten rückten.

Hadumod Bußmann folgt in seinen Überlegungen Goossens und zieht ebenfalls die Grenze des Niederländischen an der politischen Grenze. Die dort entstandene Sprachgrenze sei dort durch die standardsprachliche Überdachung zweier eigenständiger Nationalsprachen entstanden. Er räumt jedoch auch ein, dass sich in den Grenzgebieten nach wie vor Übergangszonen befänden.

Doch im Gegensatz zum Neuniederdeutschen bildete sich dessen Pendant zur modernen Kultursprache heraus, derweil das Niederdeutsche zum Dialekt herabsank. Wie eng die sprachlichen Beziehungen zwischen Mittelniederländisch und Mittelniederdeutsch bzw. Mittelhochdeutsch waren, lässt sich anhand des Beispiels Heinrich von Veldeke (ndl. Hendrik van Veldeke) nachvollziehen, der im 12. Jh. nahe der heutigen deutsch-niederländischen Sprachgrenze geboren wurde.
Von Veldeke schrieb anfänglich in limburgisch-brabantischer Mundart und orientierte sich schriftsprachlich an die damalige Kölner Kanzleisprache. Auf dessen Reisen durch das Römisch-Deutsche Reich nahmen seine Werke immer mehr südlichere Züge an, d. h. sie wurden immer deutscher. Am Hofe Hermanns I. von Thüringen schrieb er bereits in einem Duktus, der mehr hochdeutsch (mitteldeutsch) als niederdeutsch war. Daher vereinnahmen sowohl die Germanistik als auch die Niederlandistik Heinrich von Veldeke als einen der ihren und sehen in ihm einen der Begründer der jeweiligen nationalen Literatur.

In den 1960er und 1970er Jahren wurde die veraltete Stammbaumtheorie sowohl von der Germanistik als auch von der Niederlandistik als nicht mehr haltbar fallen gelassen und das Deutsche sowie das Niederländische als zwei eigenständige Nationalsprachen anerkannt, die aufgrund ihrer engen Sprachverwandtschaft Schwesternsprachen seien.

Sprachgeschichte

Die deutsche Sprachgeschichte beginnt im Mittelalter, als der Frankenstamm begannen, die umliegenden germanischen Volksstämme zu unterwerfen und diese in ihr entstehendes Großreich einzugliedern.

Dort kam im 8. Jh. das Wort deutsch auf, um die gesprochenen germanischen Volkssprachen vom Romanischen und dem Latein zu unterscheiden. Bis zum 9. Jh. waren alle Germanen Westeuropas, namentlich die Burgunder, Friesen, Sachsen, Thüringer, Alemannen, Baiern und Langobarden von den Franken unterworfen worden. Zwei von diesen Stämmen, Burgunder und Langobarden, verloren ihre „deutsche“ Muttersprache zugunsten des Altfranzösischen bzw. zugunsten des sich entwickelnden Italienischen.

Aber auch ein großer Teil der Salfranken, die als sog. Westfranken nach Gallien einfielen und dort eine dünne germanisch-deutsche Oberschicht bildeten, gingen sprachlich nach und nach in den Reichsromanen auf, da sie dort mit diesen in Gemengelage siedelten und sich als zu schwach erwiesen, sich sprachlich weiter behaupten zu können. An den West- und Südgrenzen des Reiches bildete sich bis zum 10. Jh. die deutsch-romanische Sprachgrenze heraus, deren Entwicklung im nächsten Abschnitt beschrieben wird.

deutsch-romanischen Sprachgrenze

Die südliche deutsche Sprachgrenze gilt als eine der kompliziertesten Sprachgrenzen Europas. So spricht bspw. die Westschweiz Französisch und die Zentralschweiz mit den meist größeren Städten Deutsch. Im Mittelalter dehnte sich die deutsche Sprachgrenze mit burgundischen Siedlern über die Scheide des Oberrheins hinaus und von Basel ausgehend folgt die deutsch-französische Sprachgrenze dem Kamm der Vogesen, wo sie bei Zabern in nordwestlicher Richtung abbiegt, um von dort aus an der Süd- und Ostgrenze Luxemburgs (einschließlich Arels) zu verlaufen. Bei Lüttich biegt sie westwärts in Richtung Nordsee ab und endet dort bei Dünkirchen (ndl. Duinkerke, frz. Dunkerque), das noch im 18. Jh. zu den deutschen Sprachgebieten gehörte und dann französisiert wurde.
Doch stellt diese Sprachgrenze nicht den äußersten Siedlungsraum germanischer Volksstämme dar, sondern lediglich den räumlichen Geltungsbereich ihrer Sprachen dar, in dem diese sich hatte durchsetzen können. Dabei spielten natürliche Grenzen wie die Vogesen, die Ardennen und der damals schwer zugängliche Carbonnièrewald eine große Rolle. Letzterer ist inzwischen abgeholzt, bildet aber im Wesentlichen die heutige französisch-niederländische Sprachgrenze innerhalb Belgiens.[6]

843 erfolgte die Teilung des Frankenreiches unter den Erben Karls des Großen: Der überwiegend romanischsprachige Westteil, fiel an das Westfrankenreich, der germanischsprachige Ostteil an das Ostfrankenreich. Ein breiter gemischtsprachiger Streifen, das Mittelreich Lothars, das neben Franken und Romanen auch die Friesen beinhaltete, bildete das Herzogtum Lothringen, das 925 zwischen seinen Nachbarn aufgeteilt wurde und mehrheitlich an das deutsche Königreich fiel. Dort begann sich fast zeitgleich die deutsch-romanische Sprachgrenze herauszubilden, indem die Romanen nördlich und östlich der späteren Sprachgrenze in den Deutschen und die Deutschen südlich und westlich der Sprachgrenze in den Romanen aufgingen; sie assimilierten sich also jeweils an der Mehrheitsbevölkerung. Ersteres betraf bspw. die Rhein- und Moselromanen, zweites die Burgunder und Westfranken.

Ab 1000 nannten sich die germanischen Völker des Ostfrankenreiches Deutsche, nannten ihre Sprache Deutsch und sie begannen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln, das sprachlich-kulturell begründet war. Außen vor blieben die heutigen Friesen, die zeitweilig unter normannischer Oberhoheit standen und daher nicht zu einem der deutschen Stämme wurden, sondern ein eigenständiges germanisches Volk innerhalb des sich immer mehr als deutsches Reich begreifenden Römisch-Deutsche Reiches blieben.[7]
Aber auch die deutschsprachigen Langobarden beteiligten sich nicht an dieser nationalen Selbstfindung der späteren Deutschen, sondern sie gingen ab dem 11. Jh. in den späteren Italienern auf, sodass die einstige langobardisch-bairische Dialektgrenze an der Salurner Klause ab dem Hochmittelalter zur deutsch-italienischen Sprachgrenze wurde.[8]

deutsch-dänische Sprachgrenze

Eindeutig klare Sprachgrenzen bestanden dagegen im Norden des deutschen Sprachgebietes: Im 5. Jh. ;war dort durch die Abwanderung der Jüten nach Britannien das einstige westgermanisch-urnordische Dialektkontinuum aufgelöst worden, sodass sich Altsächsisch auf der einen sowie Altdänisch auf der anderen Seite zu unterschiedlichen Sprachen entwickeln konnten.[9] Als Deutsche und Dänen im 9. Jh. an der Eidergrenze aufeinandertrafen, begegneten sich dort zwei fremde Völker, deren germanische Sprachen untereinander nicht mehr zur verbalen oder schriftlichen Kommunikation verwendtbar waren.
Dennoch griffen die Dänen während der Sachsenkriege Karls des Großen mehrfach aufseiten der Sachsen in die Kämpfe ein, verteidigten doch diese gegenüber den Franken den alten Glauben.

Letztendlich wurden die Sachsen besiegt und das damalige Frankenreich endete an der Eider und Levensau, wo nördlich davon dänisches, südlich deutsches Sprachgebiet war. Im Laufe des 11./12. Jh. nahmen zahlreiche Dänen nördlich der Linie das Niederdeutsche und dieses beeinflusste das auf der jütischen Halbinsel gesprochene Plattdänisch merklich.
Südlich der Eider nahmen auch bedeutende Teile der Sachsen das Plattdänische und im 15. Jh. das Reichsdänische an, sodass dort die heutige deutsch-dänische Sprachgrenze entstand.

deutsch-slawische Sprachgrenze

Hauptartikel: Deutsche Ostsiedlung

Im 8./9. Jh. bildete die Elbe-Saale-Böhmerwald-Adria-Linie die Sprachgrenze zwischen den Deutschen und den slawischen Völkern. Etappenweise wurde diese Linie ab dem 11./12. Jh. und dem 18./19. Jh. rund 200 km nach Osten, im Nordosten etwa um 800 km sowie etwa 200 km nach Südosten ausgedehnt.[10] Diese als deutsche Ostsiedlung bekannte Erscheinung setzte sich jedoch nur unterschiedlich durch. Vollständig germanisiert wurden Ostholstein, Mecklenburg und Thüringen, indes das heutige Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Schlesien und Posen sowie West- und Ostpreußen nur teilweise germanisiert wurden. Im Wendland bestand noch bis ins 18. Jh. hinein mit dem Polanischen eine elbslawische Sprachinsel inmitten des deutschen Sprachgebietes. Desgleichen auch in Brandenburg und Sachsen, wo bis heute die Wenden eine autochthone slawische Minderheit darstellen. In Mittel- und Oberschlesien, West- und Ostpreußen bestanden große slawische Minderheiten, die in Form der Kaschuben (Slowinzen) auch in das östliche Hinterpommern übergriffen. Im Südwesten, der heutigen Schweiz, dehnte sich das deutsche Sprachgebiet um etwa 100 km aus.[10]

Die preußische Verwaltung machte nun ihrerseits den Fehler, ihre slawischen Minderheiten, sofern sich diese nicht explizit als Sorben oder Mährer erklärt hatten, aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft mit dem Polnischen zu den Polen zu zählen: „Pole“ wurde zum Oberbegriff schlechthin, wenn man in Preußen einen Slawen aus den Ostprovinzen bezeichnen wollte. Unter diesem Oberbegriff vereinte man amtlich Kaschuben, Masuren und Wasserpolen, d. h., die slawischsprachigen Schlesier. Allein in Posen existierte eine eindeutige polnische Bevölkerungsmehrheit, die jedoch mit anderen slawischen Völkern in einem engen Dialektkontinuum standen und mit diesen und den Deutschen in Gemengelage lebte.

1848/49 forderte der I. panslawische Kongress in Prag, dass die Deutschen innerhalb eines Jahrhunderts auf die Oder-Neiße-Linie zurückgedrängt würden, bevor man vonseiten der Panslawisten wieder die alte Elbe-Saale-Böhmerwald-Adria-Linie als historische deutsch-slawische Sprachgrenze etablieren wollte.
Nach dem II. Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung aus den Oder-Neiße-Gebieten fast vollständig vertrieben, sodass nun die Oder-Neiße-Linie de facto die Sprachgrenze zwischen Deutsch und Polnisch darstellt.

Entstehen der deutsch-niederländischen Sprachgrenze

Im Hochmittelalter konkurrierten während der Hansezeit zwei eng verwandte Schreib- und Lesesprachen um die Vorherrschaft im damaligen Niederdeutschland. Diese wurden aus dem Mittelniederländischen und Mittelniederdeutsch|-niederdeutschen gebildet. Flandern, Brabant, Limburg, Holland, Utrecht und der Niederrhein waren schriftsprachlich niederländisch, Gelderland, Overijssel und Drenthe niederdeutsch. Die friesischen Lande (West- und Mittelfriesland, Groningen und Ostfriesland) wurden im Westen vom Niederländischen, im Osten vom Niederdeutschen überdacht.

An den Grenzen jedoch bestand zwischen beiden Hansesprachen ein enges Dialekt- und Schreibsprachenkontinuum. Ihnen gemeinsam war, dass sie größtenteils dem Erzbistum Köln unterstellt waren, dass zum einen seinem Fürstbistum Münster gestattete, neben der Kölner Kanzleisprache (die damals noch eher einen niederländischen Duktus aufwies) im Hochstift auch das Mittelniederdeutsche zu gebrauchen. Im münsterländischen Niederstift war es gestattet, auch das Mittelniederländische anzuwenden. Daher war das Bistum Münster, wie der Niederrhein, offiziell dreisprachig.

Bis ins 17. Jh. hatten die regionalen Schreibsprachen der Niederlande und Nordwestdeutschlands sich so sehr angeglichen, dass sie kaum noch auseinanderzuhalten waren und sowohl deutsche als auch niederländische Spracheigenschaften aufwiesen; ein Faktum, was die frühe Germanistik und Niederlandistik bewog, diese Sprachformen als Deutschniederländisch zu bezeichnen.
Seit 1544 ;herrschte im Bereich des Erzbistums Köln der amtliche Gebrauch des kaiserlichen Reichsdeutsch vor, das v. a. am Niederrhein mit der Brabanter und Holländischen Expansion konkurrierte. In den an Preußen gefallenden Gebieten kam es zum Gebrauch des Lutherdeutschen, das sich letztendlich am Niederrhein durchsetzten sollte, aber auch lange Zeit mit dem Neuniederländischen konkurrierte.

Ab 1815 bildete sich die deutsch-niederländische Grenze auch langsam zur Sprachgrenze aus, als sich nun ihr entlang sowohl die niederländische als auch deutsche Hochsprache endgültig als Nationalsprache der Niederländer und der Deutsche etablierte. Bis 1860 hatte sich das Neuhochdeutsche, das 1901 vom Standarddeutschen abgelöst werden sollte, am Niederrhein, der Landschaft Bentheim und ab 1879 in Ostfriesland durchgesetzt. Begleitet wurde dieser niederrheinische Sprachenkampf von einem preußischen Sprachverbot, welches den Gebrauch des Niederländischen um 1827/28 für den Regierungsbezirk Münster verboten hatte; und Preußen folgte damit einer Taktik Hannovers, das seinerseits bereits 1816 für Bentheim, Lingen und Tecklenburg das Niederländische verboten hatte.

Im Zuge seiner Sprachpolitik („Dialekt ist schlechtes Deutsch“) war in Bentheim das Niederländische nur noch als Kirchensprache der Altreformierten zugelassen, bis es 1937/38 vom NS-Regime endgütig dort verboten wurde. Indes hatte sich auch das Neuhochdeutsche in Holländisch-Limburg, ebenfalls bis etwa 1937, als Kirchensprache halten können. Doch im Zuge der NS-Diktatur wurde es überwiegend aufgegeben und durch das Niederländische ersetzt.

Seit 1945 ist sowohl auf deutscher als auch auf niederländischer Seite die Tendenz zu beobachten, dass sich die Dialekte auseinanderentwickeln und sich das jahrtausendealte Dialektkontinuum langsam auflöst. Obgleich in den niederländischen Grenzgebieten das Deutsche noch heute den Rang einer Verkehrssprache innehat, werden auf deutscher Seite die Sprecher des Niederländischen immer weniger.
Die Auseinanderentwicklung der deutsch-niederländischen Dialekte wird heute durch das mediale Zeitalter begünstigt, in dem die jeweilige Dachsprache den Dialekt überlagert, diesen umformt und immer mehr der Hochsprache angleicht.

Entstehung der deutschen Dialekte

Um 1000 herum wurden die deutschen Gaue zu Stammesherzogtümern ausgebildet, die wiederum aus einzelnen Grafschaften bestanden.
Innerhalb des fränkisch-deutschen Reichsheeres hatte das Altfränkische Vorbildfunktion für die übrigen im Reich gesprochenen Sprachen, die sich letztendlich nach diesem ausrichteten und viele sprachliche Neuerungen übernahmen.

Das deutsche Sprachgebiet entwickelte sich sprachhistorisch aus dem Kontinentalwestgermanischen heraus, dessen Einzelsprachen untereinander noch voll verständlich gewesen sein müssen.[9] Seit dem 6. Jh. war es jedoch einer Lautverschiebung unterworfen, die sich wellenartig, dem Rhein abwärts folgend, von Süden nach Norden ausbreitete und die sich in ihrem nördlichen Verlauf immer mehr abschwächte, bis sie an den Grenzen der heutigen Benrather Linie zu Stillstand kam.
Nun war das deutsche Sprachgebiet in drei dialektale Großräumen (Ober-, Mittel- und Niederdeutsch) geschieden, in denen die jeweiligen Stammesherzogtümer untereinander Verkehrsgemeinschaften eingingen und in denen breite Übergangszonen entstanden.

Aus den bisherigen germanischen Sprachen wurden nun über die Jahrhunderte hinweg deutsche Dialekte, die sich gemeinschaftlich als deutsch zusammenfassten. Innerhalb des damaligen deutschen Sprachgebietes entstanden nun die Schreiblandschaften des Althochdeutschen mit |Mittel- und Oberfränkisch, Alemannisch und Bairisch sowie Thüringisch und des Altniederdeutschen, welches aus Altniederfränkisch und Altsächsisch gebildet wurde.

Wie bereits im Abschnitt deutsch-romanischen Sprachgrenze erwähnt, nahmen die Friesen nicht an diesem sprachlichen Ausgleichsprozess teil, sondern verblieben bei ihrer germanischen Stammessprache. Die friesische Nationalsprache zerfiel später in drei eigenständige Sprachzweige, die zum einen dem Mittelniederländischen (Westfriesisch) und zum anderen dem Mittelniederdeutschenen (Ostfriesisch) ausgesetzt waren. Letzteres ging bis auf geringe Reste im Niederdeutschen unter und bildet dort als ostfriesisches Platt eine besondere Untergruppe des Nordniederdeutschen. Der dritte Sprachzweig (Nordfriesisch) war jahrhundertelang dem Plattdänischen ausgesetzt.

Im Zuge der deutschen Ostsiedlung entstanden in Ostelbien neue deutsche Dialekte, die Ausgleichsdialekte darstellten und bei denen ein Dialekt des Altsiedlungsgebietes zur Basis genommen wurde: Im Nordosten entstanden die ostniederdeutschen, im Osten ostmitteldeutschen Dialekte und im Südosten setzte sich das Bairische fort, ohne jedoch eigenständige Neudialekte zu begründen.

Sonderfall: die Dialekte am Niederrhein und der Ostniederlande

Bis zur heutigen Definition der deutschen und niederländischen Dialekte war deren Zuordnung teilweise heftig zwischen Germanistik und Niederlandistik umstritten: Erstere ging traditionell von der Stammbaumtheorie aus, der das niederländische Sprachgebiet in fränkisch, sächsisch und friesisch einteilte, zweite ging vom Gebrauch des Neuniederländischen durch die Dialektsprecher aus.
Dadurch, dass die Niederlandistik alle deutschen Dialekte — einschließlich der Sprachinseln Lingen, Tecklenburg und Steinfurt —, die zwischen 17. und 19. Jh. im Niederländischen verschriftet waren, für niederländisch erklärte, geriet sie in Gegensatz zur Germanistik.
Diese begann, das Niederfränkische differenzierter zu betrachten und räumte ein, dass dieses im Bereich des Reiches zwar eine deutsche Dialektgruppe darstellte, die sprachhistorisch jedoch niederländisch war. Aber zeitgleich begann sie, im Verbund mit der Niederdeutschen Bewegung, die ostniederländischen Dialekte für sich einzufordern, da diese mit dem Niedersächsischen verwandt waren. Die Zugehörigkeit niedersächsischer Dialekte aufgrund des Gebrauchs des Niederländischen zum niederländischen Sprachgebiet lehnte die Germanistik jedoch strikt ab.

Im 19. Jh glaubte man, die niederrheinischen und ostniederländischen Dialekte als Deutschniederländisch zusammenfassen zu können. Doch es zeigte sich schnell, dass dieser ursprünglich apolitische Sammelname vonseiten der Deutschvölkischen und der Alldeutschen politisiert wurde.
So arbeitete bspw. die Niederdeutschen mit der dietschen Bewegung zusammen. Doch mit der Verknüpfung der Sprachen- mit der Rassenfrage im frühen 20. Jh. wurde der Begriff Deutschniederländisch immer weniger angewandt. Nach 1945 griff man zu verschiedenen Behelfsbezeichnungen, die sich in Ostniederländisch, |Nordnieder- und Südniederfränkisch sowie Ostbergisch, aber auch in Kleverländisch und Zuid-Gelders niederschlugen. 1992 führte Arend Mihm die Begriffe Rheinmaasländisch und Ijsselländisch ein, die sich schnell durchsetzten, da es sich bei diesen um völlig apolitische Oberbegriffe handelt.

1960 definierte der Belgier Jan Goossens die Begriffe niederländische und deutsche Dialekte neu und verband diese mit der jeweiligen Standardsprache, die im deutschen und niederländischen Sprachraum National- und Kultursprache war:
Deutsche Dialekte unter Standarddeutsch, niederländische unter Standardniederländisch. Dem Ostniederländischen (Nedersaksisch) wird nun vonseiten der Germanistik zugestanden, ein niederländischer Dialekt auf Basis des Westniederdeutschen zu sein, indes das Niederfränkische am Niederrhein (Niederrheinisch) zugestanden wird, sprachhistorisch zu den niederländischen Dialekten zu gehören.

Siehe auch

Weblinks

Fußnoten

  1. Geschlossenes deutsches Sprachgebiet in Mitteleuropa bis zur Gründung des Deutschen Reiches (1870/71).
  2. 2,0 2,1 „Wo deutsches Volk siedelt, ist deutscher Volksboden, da hört man deutsche Sprache und sieht man deutsche Arbeit. Auf ersteres ist bislang das größte Gewicht gelegt worden. Man hat das deutsche Sprachgebiet mit dem deutschen Volksboden gleichgestellt (…)“, Albrecht Penck: Deutscher Volks- und Kulturboden in „Volk unter Völkern.“, S. 62/73
  3. N. Krebs: Die geographischen Grundlagen des deutschen Volksbodens samt den benachbarten Sprachinseln, S. 25, zitiert nach Pencks „Deutscher Volks- und Kulturboden“
  4. 4,0 4,1 Rudolf Jung: Der nationale Sozialismus, S. 12
  5. Flugblatt „Das ganze Deutschland soll es sein!“
  6. N. J. G. Ponds: Historische und politische Geographie von Europa, S. 158/159
  7. Jürgen Mirow: Geschichte des Deutschen Volkes, S. 38
  8. Die im 12. Jh. erreichte deutsch-romanische Sprachgrenze sollte sich Wesentlichen unverändert bis 1945 halten. Kleinere Veränderungen zuungunsten des Deutschen erfolgten im 16./17. Jh., als das Französische begann, führende Fürstensprache und die Sprache der Diplomatie zu werden. Die im 18. Jh. erreichte Sprachgrenze galt dann bis nach dem II. Weltkrieg, indessen Folge sich im ehemaligen Deutschlothringen die Sprachgrenze bis zu 30 km nach Osten verschob und dort fast gänzlich mit der Rheinlinie zusammenfiel. Bis auf geringe Reste gilt dort das Deutsche heute als ausgestorben, nachdem die deutsche Bevölkerung begonnen hatte, das Französische als Kultursprache anzunehmen.
  9. 9,0 9,1 Wolfram Euler: Das Westgermanische, S. 38/39
  10. 10,0 10,1 Wolfgang Hendlmeier in: Heinrich Nabert: Die Verbreitung der Deutschen in Europa 1844–1888, S. 8


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