Deutschvölkische Bewegung

Aus Deutsche Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche

Deutschvölkische Bewegung (DVB), seit 1899/1900 Selbstbezeichnung verschiedener ideologisch-politischer Strömungen des Deutschen Reiches. Seit 1901 entstanden auch im damaligen Österreich-Ungarn Organisationen, die von Alldeutschen geleitet wurden und sich selbst als Teil der Deutschvölkischen begriffen. Die DVB galt als radikalisierter Teil der völkischen Bewegung. Der Begriff völkische Rechte wird synonym verwendet. Beiwort ist deutschvölkisch.

Da sich überwiegend Mitglieder des alldeutschen Verbandes und der zahlreichen Kriegerverbände zur deutschvölkischen Bewegung zählten, wird diese in der modernen Geschichtsschreibung fälschlich auch mit dem alldeutschen Verband gleichgesetzt.

Einer der bekanntesten Vertreter der deutschvölkischen Bewegung war Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff, der sich ab 1919 in dieser politisch betätigte. Aus diesem Grunde nahmen am 8./9. November 1923 auch zahlreiche Angehörige und Sympathisanten der Bewegung auch am missglückten Hitlerputsch teil.

Politische Ausrichtung

Die deutschvölkische Bewegung war ohne klares Programm und die Mehrheit ihrer Mitglieder kam aus klein- und großbürgerlichen Verhältnissen und war evangelisch. Die deutschvölkische Bewegung bildete den rechten Rand der völkischen Bewegung, sodass sie auch als „völkische Rechte“ bezeichnet wurde.

Was die Deutschvölkischen und deren Sympathisanten einte, waren war ihr Kampf um die Ausschaltung der Demokratie, des Marxismus (Sozialdemokratie, Sozialismus, Kommunismus) und des Liberalismus auf der einen sowie die Ausschaltung des jüdischen Einflusses in Ökonomie und Kultur und die Aussiedlung der Juden nach Palästina auf der anderen Seite. Sie waren in Regel großdeutsch, imperialistisch-chauvinistisch, nationalistisch, rassistisch, militaristisch, antidemokratisch, antiliberal und antimarxistisch eingestellt. Ferner wurde in ihr eine starke Kirchen- und ein extremer Rassenantisemitismus vertreten.

Das Kaiserreich Wilhelm des Zweiten sollte zum führenden Weltreich („deutsches Sendungsbewusstsein“) ausgebaut werden. Dafür wurden auch von der deutschvölkischen Bewegung für die Reichsdeutschen Kolonien eingefordert. Die Auswanderung ethnischer Deutscher (Volk ohne Raum) sollte gestoppt und Lebensraum in Osteuropa geschaffen werden. Den Slawen wurde die Rolle von Sklaven zugedacht. Darüber hinaus setzte sich die DVB für die Stärkung des Auslandsdeutschtums und der Rechte der Volksdeutschen ein. Die christlichen Kirchen sollten verpflichtet werden, ein von allen Fremdeinflüssen gereinigtes „Deutsch-Christentum“ einzuführen. In diesem wäre der Jude Jesus von Nazareth natürlich ein Arier gewesen.

Eigentliches Hauptziel der deutschvölkischen Bewegung war es, die deutsche Volksgemeinschaft rassisch rein zu halten:

„Zum ersten »das Bekenntnis zur germanischen Rasse und die Zugehörigkeit zur deutsch-germanischen Blutsgemeinschaft mit allen daraus sich ergebenden Folgerungen und Pflichten der Lebens- und Weltanschauung, rechtlicher und wirtschaftlicher, ethnischer und religiöser Grundsätze«, zum zweiten‚ die unbedingte körperliche und geistige Ablehnung alles Fremdrassigen nebst alles Jüdischen. Rege Mitarbeit am Aufbau und Neubau eines völkischen großdeutschen Staates ist somit eine daraus sich ergebene Pflicht für jeden.“

Paul Hartig: „Die völkische Weltsendung. Wege zum völkischen Werden.“ Bad Berka, 1924, S. 7.

Laut Hartig lag demnach der Schwerpunkt der deutschvölkischen Bewegung auf die Vermeidung einer wie auch immer gearteten „Rassenvermischung“ und der Einführung einer konsequenten Rassentrennung. In diesem Sinne wurde von ihr, die von der völkischen Bewegung akzeptierte, Vermischung mit den blutsverwandten Romanen abgelehnt. Vielmehr vertrat die deutschvölkische Bewegung einen „Germanenkult“ und in diesem sollte sich die deutsche Volksgemeinschaft vor allem mit nordischen Völkern mischen, um so aufgenordet zu werden.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges agierte die DVB offen mit dem Hakenkreuz als politisches Symbol. Sie wurde ideologische Wegbereiterin und personelle Basis des Nationalsozialismus im Reiche. So unterstützten zahlreiche deutschvölkische Persönlichkeiten finanziell den Aufstieg der kleinen Splitterpartei Deutsche Arbeiterpartei zur „VolksparteiNSDAP. Zahlreiche Organisationen traten nach 1920 dieser geschlossen bei. Ferner radikalisierte sich auch die völkische Bewegung zunehmend. Durch ihren nun offen propagierten Rassenantisemitismus näherte sich diese nun stark der deutschvölkischen Bewegung an.

Mitgliederorganisation

Die Mitgliedsverbände der deutschvölkischen Bewegung entstammten überwiegend der völkischen Bewegung, die aus rund 150–200 Organisationen gebildet wurde[1]. Dort bildete die DVB den politisch radikalisierten Fügel.

Bekannte Mitgliedsorganisationen waren beispielsweise der Allgemeine Deutsche Sprachverein, der Deutsche Kolonialverein und die 29 000 Kriegervereine (Kyffhäuserbund) mit 2,837 Mio. Mitgliedern. Ferner gehörten auch der Reichshammerbund, die Deutsche Erneuerungsbewegung und der rechte Flügel der Lebensreformbewegung zur deutschvölkischen Bewegung.

Innerhalb der völkischen Bewegung verfügten die Deutschvölkischen über das stärkste Wachstum. So registrierte das im Jahr 1920 erschienene „Deutschvölkische Jahrbuch“ (Verzeichnis deutschvölkischer Vereine, Bünde und Orden) rund 72 Organisationen, die in der Weimarer Republik, Österreich und der Tschechoslowakei agierten. Bis 1922 stieg deren Anzahl auf 89 Gruppierungen an[2].

Vorläufer

Vorläufer der deutschvölkischen Bewegung ist die im ausgehenden 19. Jahrhundert begründete völkische Bewegung. Diese war eine radikalisierte Form ursprünglich österreichischen Deutschnationalismus und war vor allem in Preußen stark vertreten. Diese Variante war offen militaristisch und stark antisemitisch orientiert und zeichnete sich zudem durch eine starke Kirchenfeindlichkeit aus.

Der zur Reinigung der deutschen Sprache begründete Allgemeine Deutsche Sprachverein setzte durch, dass das Adjektiv „national“ nun durch „völkisch“ ersetzt wurde. Der deutschvölkischen Bewegung traten in der Folgezeit zahlreiche Personen, Gruppierungen und Organisationen bei, die allen politischen Lagern entstammten. Das bedeutete aber auch, dass die deutschvölkische Bewegung als solche in sich zerstritten war. Einende Klammer unter ihnen war, dass „Deutschland einen Platz an der Sonne“ erhalten und Kolonialmacht und Vorreiter eines großdeutschen Staates (→ Großdeutsche Idee) unter den Hohenzollern werden sollte.

Entstehung

Um 1900 bekannte sich der deutsche Kaiser Wilhelm der Zweite offen zum völkischen Nationalismus und zum Rassenantisemitismus. Durch preußische Intellektuelle wurde daraufhin im Deutschen Reich die „deutschvölkische Bewegung“ begründet. Diese wurde als Fortführung der deutschnationalen Bewegung Österreich-Ungarns aufgefasst und sollte die Vorherrschaft des Reiches über die deutschen Volksgruppen und deutschen Staaten Europas vorbereiten.

Nachdem sich Wilhelm der Zweite als bekennender Antisemit offenbarte, wurde der latent vorhandene Antisemitismus der Reichsdeutschen allgemein gesellschaftsfähig. Da die als „Alldeutsche“ bezeichneten Personen zumeist auch in Führungspositionen anzutreffen waren, kam auch die „alldeutsche Idee“, gepaart mit militaristischem Imperialismus, in die Bewegung.

Die wesensverwandte völkische Bewegung bemühte sich, ihren vorhandenen Antisemitismus zu kaschieren, um nicht die liberal eingestellten Mitglieder zu verlieren. Aber der alldeutsche Verband gab sich relativ offen kirchen- und antisemitisch, obgleich Juden de jure der Beitritt in den alldeutschen Verband freistand[3]. Doch Hauptziel der Deutschvölkischen war nicht, wie in der völkischen Bewegung propagiert, die Assimilation der Juden. Vielmehr vertraten diese die Aussiedlung der „deutschsprachigen Orientalen“ nach Palästina. Andere Minderheiten sollten germanisiert werden. Oberstes Gebot war für die Deutschvölkischen die „rassische Reinerhaltung“ der deutschen Volksgemeinschaft. Daher galten vor allem die Alldeutschen als strengste Verfechter der Rassenlehre. Die Organisationen und Parteien unterstützten teilweise den flämischen Nationalismus in Belgien.

Deutschvölkische Partei

1914, vor Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde von Vertretern des alldeutschen Verbandes und anderer deutschnationalen Gruppierungen die Deutschvölkische Partei gegründet. Die Deutschvölkische Partei trat politisch offen für eine völkisch-antisemitische Ausrichtung der deutschen Politik ein. Während des Ersten Weltkrieges propagierte die Partei einen „Siegfrieden“ der deutschen Streitkräfte und folgte dabei offen der alldeutschen Idee, was die Annexion der Niederlande, Luxemburgs und der flämischen Teile Belgiens und Frankreichs bedeutet hätte. Ihr Ziel war die Errichtung eines deutsch dominierten Mitteleuropa, dessen Kerngebiet das von den Alldeutschen erstrebte Alldeutschland bilden sollte. Dabei wurde den im Osten lebenden slawischen Völkern die Rolle von Sklaven zugedacht. Dieses vergrößerte „Alldeutschland“ sollte bis an den westlichen Bug reichen[4].

Deutschnationale Volkspartei, Deutschvölkische Freiheitspartei

Im November 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, schlossen sich im Reich die Deutschvölkischen mit den Deutschnationalen zur Deutschnationalen Volkspartei zusammen. Diese galt als gemäßigte, als rechtskonservative Kraft der politischen Rechten, da sie sich der Wiedererrichtung der Monarchie und dem Erhalt bzw. der Wiedergewinnung der Schutzgebiete verschrieben hatte. Doch durch die Eingliederung der Deutschvölkischen Partei kamen auch antisemitische Elemente in die neue Partei, zudem sie sich dem damaligen Zeitgeist folgend dem völkischen Nationalismus verschrieben hatte. Auch in der Parteispitze waren zahlreiche Alldeutsche der ersten Stunde vertreten, so beispielsweise Alfred Hugenberg.

Germanophile Mitglieder der deutschvölkischen Bewegung vereinigten sich 1918, noch während des Weltkrieges, zur nordischen Bewegung. Sie und andere autonome Gruppierungen der deutschvölkischen Bewegung führten 1918/19 das Hakenkreuz als gemeinsames politisches Symbol ein.

1922 trennte sich der überwiegend antisemitische Parteiflügel von der DNVP und gründete zusammen mit zahlreichen Mitgliedern des alldeutschen Verbandes die Deutschvölkische Freiheitspartei, die jedoch nur auf dem Stand einer Splitterpartei verblieb. Den Radikalen gelang es nicht, die gesamte deutschvölkische Bewegung an sich zu binden.

Verhältnis zum Nationalsozialismus

Die Gruppierungen und Parteien der deutschvölkischen Bewegung arbeiteten seit 1920 eng mit der in München gegründeten Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Damit kamen sie in das Fahrwasser des 1918 gegründeten „Germanenordens“ und der daraus entstandenen Thule-Gesellschaft. Im März 1920 befürworteten die Deutschvölkischen den Kappputsch, der fast in einem Bürgerkrieg endete. So gerieten langsam auch die verschiedenen Freikorpseinheiten unter den Einfluss der deutschvölkischen Bewegung. Um ihre Solidarität mit der politischen Rechten anzuzeigen, die sich für die Restauration eines starken Nationalstaates, zum Teil auch die Wiederherstellung der Monarchie anstrebte, trugen viele Freikorpseinheiten ein Hakenkreuz auf dem Stahlhelm.

Nach der Umbenennung der DAP in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei begann diese Kleinpartei rasch, innerhalb der Deutschvölkischen, ja innerhalb der gesamten völkischen Bewegung die Führungsrolle einzunehmen. So gehörten schließlich einflussreiche Mitglieder der NS-Bewegung ursprünglich der „nordischen Bewegung“ an, die innerhalb der gesamten völkischen Bewegung die radikale Rechte darstellte.

„Deutsche Tage“

Die Deutschvölkischen des Reiches, die sich dem Nationalsozialismus verschrieben hatten, arbeiteten seit 1919 eng mit der in Österreich-Ungarn entstandenen Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zusammen. Gemeinsam richteten sie am 7./8. August 1920 in Salzburg einen Deutschen Tag aus. Bei diesem wurde eine enge Zusammenarbeit mit den österreichischen und sudentendeutschen Nationalsozialisten beschlossen. Infolge dessen nahmen diese die im Februar 1920 von der NSDAP eingeführte Hakenkreuzfahne als gemeinsames politisches Symbol an.

Am 14./15. Oktober 1922 war die Stadt Coburg Ausrichter des „Deutschen Tages“. Angemeldet wurde dieses deutschvölkisch orientierte Treffen von der NSDAP und anderen Verbänden. Dort nahmen erstmals auch SA-Männer als geschlossene Formation teil.

Arbeitsgemeinschaft vaterländischer Kampfverbände, nach Wiederzulassung der NSDAP

Seit Februar 1923 waren verschiedene Wehrverbände, deutschnational, völkisch und nationalsozialistisch ausgerichtet, in der Arbeitsgemeinschaft vaterländischer Kampfverbände organisiert. Im November desselben Jahres nahmen auch Deutschvölkische am Hitlerputsch teil. Nach dessen Misslingen wurde die NSDAP verboten und die Arbeitsgemeinschaft aufgelöst.

Nach dem Hitlerputsch wurden die NSDAP und ihre paramilitärische SA aufgelöst und verboten. Unter Ernst Röhm wurde Letztere in einer Tarnorganisation namens „Frontbann“ weitergeführt und ausgebaut. Die Nationalsozialisten traten unter anderem einer extrem radikalen Splitterpartei, der Deutschvölkischen Freiheitspartei, bei und reorganisierte diese zur Nationalsozialistischen Freiheitspartei. Diese war eine der beiden NSDAP-Nachfolgeorganisationen der 1920er Jahre. 1924 trat sie bei den Reichstagswahlen der Weimarer Republik an.

Im Februar 1925 wurde die NSDAP als Partei wieder zugelassen. Die weiter ausgebauten Nachfolgeorganisationen wurden aufgelöst und in die NSDAP überführt. Dadurch verlor die deutschvölkische Bewegung immer mehr Einfluss und sank in die politische Bedeutungslosigkeit. Ihre Nachfolge trat die Nationalsozialistische Bewegung in Form der NSDAP an. Zielstrebig wurde diese nun zur Volkspartei ausgebaut. Bei Machtantritt der Nationalsozialisten (30. Januar 1933) waren bis auf den alldeutschen Verband alle Organisationen und Parteien der deutschvölkischen Bewegung in die NSDAP eingegliedert worden. 1939 wurde auch der alldeutsche Verband mit der Begründung, dass mit dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes die Hauptforderung der Alldeutschen verwirklicht wurde, aufgelöst.

Siehe auch

Literatur

  • Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2001, ISBN 9783534150526
  • Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890–1914, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Band 176, Wandenhoek & Ruprecht 2007, ISBN 978-3-525-35157-4

Weblinks

Fußnoten

  1. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 7ff
  2. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 172
  3. Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse, S. 286
  4. Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse, S. 57


Info Sign.svg Hinweis: Dieser Artikel ist im Deutsche-Geschichte-Wiki entstanden. Der Inhalt dieser Seite ist unter der Lizenz CC-BY-SA-3.0 lizensiert und darf entsprechend unter den dort genannten Bedingungen weiterverwendet werden.