Flämisch

Dieser Artikel behandelt die niederländische Sprachvariante „Flämisch“. Für weitere Bedeutungen siehe auch: Flämisch (Begriffsklärung).

Flämisch (ndl. Vlaams), umgangssprachliche Eigenbezeichnung des Niederländischen in Belgien. Sprachwissenschaftlich wird vom belgischen Niederländisch oder dem Niederländischen in Belgien gesprochen. Es wird aus der südlichen Sprachvariante des Niederländischen gebildet und umfasst heute in Belgien etwa 5,8 Millionen Sprecher. In Französisch-Flandern wird es noch von etwa 120.000 Personen gesprochen, die Dialekte des Westflämischen zur Muttersprache haben.

Seit dem späten 19. Jahrhundert stimmt Flämisch sowohl in Orthographie und Grammatik mit dem Neuniederländischen überein, sodass beide Sprachformen heute als Standardniederländisch klassifiziert und bezeichnet werden. Die „Westhoek-Flamen“ in Französisch-Flandern schreiben in einem eigenen Duktus, der sich eng an mittelniederländischen Vorbildern orientiert. Die Begriffe Flämisch-Brabantisch (nld. Vlaams-Brabants), Flämisch-Limburgisch (nld. Vlaams-Limburgs), Brabantisch-Limburgisch (ndl. Brabants-Limburgs), Flämisch-Limburgisch (ndl. Vlaams-Limburgs), Limburgisch-Brabantisch (ndl. Limburgs-Brabants) und Südniederländisch (ndl. Zuidnederlands) werden synonym verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Der Terminus „Flämisch“ ist eng mit der niederländischen Sprachgeschichte verbunden. Lange Zeit bildeten das nördliche und das südliche Sprachgebiet eine sprachliche Einheit. Als Limburgisch-Flämisch bildete es im eine der Grundlagen des Mittelniederländischen. Auf ihm fussten die Anfänge der niederländischen Literatur.

Deutsche und französische Spracheinflüsse

Im 14. Jahrhundert stand das südliche Mittelniederländisch unter dem Spracheinfluss des benachbarten Deutschen, da die niederländischen Provinzen des Heiligen Römischen Reiches zwischen 1345 und 1425 unter der Herrschaft einer bayrischen Dynastie standen[1]. (→ Haus Straubing-Holland)

Doch ab dem 15. Jahrhundert begann durch Sprachkontakt der Flamen mit den Wallonen: Die Niederlande wurden ab 1425 Teil des Herzogtums Burgund und die Südniederlande verblieben nun für die Dauer von rund 150[1] Jahren unter dem Spracheinfluss des Wallonischen bzw. des Französischen.

Mögliche Dreiteilung des Sprachgebietes

Der Sprachwissenschaftler Claus Jürgen Hutterer stellte in seinem Werke „Die germanischen Sprachen“ fest, dass 16.–18. Jahrhundert die Gefahr bestand, dass der niederländische Sprachraum schriftlich in einer Dreiteilung hätte untergehen können, da sich auf seinem Territorium mit Flämisch, Holländisch und Brabantisch drei unterschiedliche Schriftsprachen zu etablieren begannen:

„Trotz aller wiederholten orthographischen Anstrengungen der Grammatiker schien es im 16. Jh. bereits so, als entwickelten sich zumindest drei niederländischen Dialekte — Flämisch, Holländisch und Brabantisch (im engeren Sinne) — zu eigenständigen Schiftsprachen.“

Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen (1975), S. 268

Flämisch verliert den Status der Schriftsprache

1585, während des Spanisch-Niederländischen Krieges, besetzte Spanien die Stadt Antwerpen, die zu jener Zeit das dominante Schriftzentrum des Neuniederländischen darstellte. Ein Teil der Bildungselite zog nun in den Norden (Vereinigte Republik der Niederlande), sodass dort für eine Zeit das Brabantische für die sich entwickelnde niederländische Standardsprache Vorbildfunktion hatte[1].

Doch ab dem 17. Jahrhundert dominierte innerhalb des niederländischen Sprachgebietes das Holländische[1], dort vor allem der Ortsdialekt Amsterdams. Das Flämische als solches ward bis etwa 1880 nicht mehr als Schriftsprache verwendet und es sank zur dialektalen Volks- und Umgangssprache herab[2].

1794 fiel Flandern an Frankreich, dass dort nun verbindlich das Französische als Amtssprache einführte. Die spätere belgische Bildungselite sprach und schrieb ausschließlich Französisch, was auch einen deutlichen Einfluss in der flämischen Sprache hinterliess: Vor allem die Lexik hatte darunter zu leiden, die nun teilweise der französischen folgte und das Flämische wies eine Vielzahl von Gallizismen[3].

Offizielle Staatssprache des 1830 gegründeten und neun Jahre später von den Niederlanden anerkannten Königreiches Belgien wird ebenfalls Französisch werden, da vor allem Franzosen, Wallonen und Frankophone die belgische Bildungselite stellten.

Die „Westflämische Schule“

Durch den massiven Spracheinfluss des Französischen auf die Flamen, wurden diese in ihrer Sprachentwicklung vehement durch dieses gehindert. Während sich das Neuniederländische fortwährend weiterentwickelte, verblieb derweil das Südniederländische auf dem im 16. Jahrhundert erreichten Sprachstand[2] Daran konnten selbst die habsburgisch-österreichischen Landesherren nichts ändern, die 1777 erfolglos versuchten, den Antwerpener Stadtdialekt zur Schriftsprache zu kodifizieren[2].

Ab dem 18. Jahrhundert gab es auch bei den Flamen Versuche, eine eigenständige Schriftsprache, das Südniederländische, aus den verschiedenen westflämischen Dialekte zu erschaffen, da Flandern bereits im 12. Jahrhundert die Wiege der Niederländischen Literatur darstellte. Den ersten Versuch unternahm 1770 Jan des Roches[4], ein gebürtiger Niederländer. Seit 1757 war dieser in den Österreichischen Niederlande als Lehrer tätig und verfasste dort unter anderem 1761 sein Werk Nieuwe Nederduytsche Spraek-Konst, in dem er versuchte, eine aus dem Westflämischen erschaffene Schriftsprache zu etablieren und gab 1769 mit dem Nieuw Nederduytsch en Fransch Woordenboek / Nouveau dictionnaire françois-flamand ein zweisprachiges Wörterbuch heraus.

Der Arzt Frans Donatus van Daele verfasste 1805–1806 unter dem PseudonymYper van Vaelande“ das Büchlein „Tyd-Verdryf“, in dem dieser eine Lanze für das Westflämische brach und anstiess, aus diesem eine zukünftige südniederländische Schriftsprache zu entwickeln.

Zwischen 1815 und 1830 waren die Südniederlande mit den holländischen Provinzen im Königreich der Vereinigten Niederlande staatlich zusammengeschlossen. In diesem Staat herrschte offiziell Zweisprachigkeit: Französisch im Süden, Niederländisch im Norden. Doch als der niederländische König Wilhelm der Erste begann, ab 1830 verstärkt das Neuniederländische in den Südniederlanden als Amts- und Verwaltungssprache zu etablieren, kam es zur Belgischen Revolution, die auch von der Mehrheit der Flamen getragen wurde. Im Kampf gegen den evangelischen Norden forderten die Südniederlande (und mit ihnen auch das Großherzogtum Luxemburg) die staatliche Unabhängigkeit vom Norden. Infolgedessen ward Luxemburg 1839 entlang der Sprachgrenze geteilt, ein Schicksal, dass auch dem Herzogtum Limburg widerfuhr: Dieses wurde zwischen Belgien und den Niederlanden aufgeteilt, wobei die Stadt Maastricht dem Königreich der Niederlande zugeschlagen wurde, obgleich seine Bewohner sich dazu entschieden hatten, Belgier zu sein.

Mit der Etablierung des Königreiches Belgien und dessen Anerkennung durch die Niederlande begann ab 1838/39 der belgische Sprachenstreit, der bis ins 20. Jahrhundert andauern sollte. Westflandern ward ab den 1830er Jahren zum Zentrum einer flämischen Sprachbewegung, als die flämische Bildungselite begann, sich gegen die Bevorzugung des Französischen zur Wehr zu setzen. Ihr Begründer war der Lyriker Guido Gezelle, dessen 1838 veröffentlichtes Buch „Vlaemsche Dichtoefeningen“ als Ausgangspunkt genommen werden kann. Doch war sich diese (west-)flämische Sprachbewegung über ihre politischen Ziele unklar. Ihre Führer forcierten unterschiedliche Ansätze zur Lösung der flämischen Frage. Innerhalb der „Westflämischen Schule“ (fläm. Westvlaamsche School) galt als Minimallösung, das als „boekentaal“ (dt. Büchersprache) empfundene Neuniederländische aus den flämischen Dialekte heraus zu bereichern oder als Maximallösung eine westflämische Hochsprache zu erschaffen, die sich deutlich vom Neuniederländischen unterschieden und den niederländischen Sprachraum zweigeteilt hätte. Als strenge Katholiken lehnten die Anhänger und Sympathisanten der „Westflämischen Schule“ die pure Übernahme des Neuniederländischen ab, die sie als Möglichkeit der politischen Einflussnahme der Protestanten auf die Katholiken ansah.

Um 1880 änderte sich das Gesicht der flämischen Sprachbewegung, als aus ihr in Form der flämischen Bewegung (fläm. Vlaamsche beweging) eine reine Nationalbewegung erwuchs. Unter der Leitung von Hugo Verriest stehend forderte die Flämische Bewegung nun, dass das Neuniederländische als Nationalsprache der Flamen eingeführt und diese mit aus dem Westflämischen entlehnten Ausdrücken und Redewendungen angereichert werde. Die Sprachpläne, aus dem Südniederländischen eine eigene Schriftsprache entwerfen zu wollen, war man abgekommen. Man war jetzt bestrebt, eine gemeinniederländische Standardsprache zu entwickeln, die im gesamten Sprachgebiet Gültigkeit haben sollte. (→ Algemeen Beschaafd Nederlands)

1886 ward in Belgien die Koninklijke Vlaamsche Academie voor Taal- en Letterkunde begründet, die ab 1894 begann, Fachwörterbücher zum richtigen Gebrauch des Flämischen herauszugeben. Flämisch galt nicht mehr als eigenständige Sprache, sondern nur noch als niederländische Sprachvariante. Es orientiert sich nun als geschriebene Sprache eng am Neuniederländischen, verwendet das in den Niederlanden übliche lateinische Alphabet und stimmt heute bezüglich der Rechtschreibung mit dem Standardniederländischen überein, weicht jedoch von der Aussprache her von diesem teilweise stark ab, da die Mehrheit seiner Sprecher mehrheitlich ihre alten Regionalsprachen verwenden. (→ Niederländische Aussprache)

Etablierung der drei Sprachgebiete Belgiens

Aufgrund des innerbelgischen Sprachenstreits (Französisch vs. Niederländisch) legte 1962 eine Staatskommission offiziell das flämische Sprachgebiet Belgiens fest, wobei in einigen Punkten von der tatsächlichen Sprachgrenze abgewichen wurde. Innerhalb der offiziellen Sprachgebiete (Gemeinschaften genannt) herrscht seit dem de jure das Prinzip der Einsprachigkeit:

  1. Flämische Gemeinschaft, nördlich der festgelegten Sprachgrenze: Niederländisch
  2. Französische Gemeinschaft, südlich der festgelegten Sprachgrenze: Französisch
  3. Deutschsprachige Gemeinschaft, im deutsch-belgischen Grenzgebiet gelegen: Deutsch
  4. Region Brüssel: Niederländisch und Französisch. Dort verwaltet jede „nationale Gemeinschaft“ jene Stadtteile, in denen ihre Sprache mehrheitlich vorherrschend ist.

Unterschiede zum Nordniederländischen

Im mündlichen Gebrauch unterscheidet sich das Flämische von der Standardsprache und vom benachbarten Nordniederländischen dadurch, dass in der Umgangssprache das als veraltete geltende anstelle des hochsprachlichen („Sie“) verwendet und dass das sogenannte Schluss-n bei den Wörtern hebben (haben), maken (machen) usw. ausgesprochen wird[5]. Dieses ist eine Gemeinsamkeit, das sich das Flämische mit dem Rheinmaasländischen teilt. Letzteres herrscht auch im Ostniederländischen vor. Im Nordniederländischen wird dieses Schluss-n in der Regel nicht mehr ausgesprochen, sodass die Wörter „haben“ und „machen“ hebbe und make lauten.

Im Wesentlichen werden im Flämischen Wörter verwendet, die im nördlichen Niederländischen zwar nicht unbekannt, sondern eher als „unfein“ oder als Fremdworte galten. Als Beispiel solcher Wörter möge die folgende Tabelle dienen, wobei das Süd- und Nordniederländische hier der Einfachheit halber als „Flämisch“ und „Holländisch“ bezeichnet werden:

Deutsch Flämisch Holländisch
schön fraai mooi
ankleiden aantoortelen aantakelen
Landweg aardbaan landweg
Büroklammer attachke papierklem/paperclip
Metzgerei beenhouwerij slagterij
Gefahrenzulage bibbergeld gevarengeld
Großvater bonpapa/bonpa grootvader/Opa
Briefträger briefdrager postbode
Angsthase platbroek angsthaas
ganz gans/geheel heel/geheel
Polizist flik politieagent
ernsthaft/seriös ernstig serieus

Siehe auch

Weblinks

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen, S. 268
  2. 2,0 2,1 2,2 Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen (1975), S. 268
  3. „Die flämische Variante des Niederländischen enthält unter dem Einfluß des Französischen sehr viele Gallizismen bzw. Lehnkonstruktionen aus dem Französischen, die im holländischen Norden meist unbekannt sind, vgl. holl. ik weet nie wat te zeigen ‚ich weiß nicht was zu sagen‘ (d. h. ‚was ich sagen soll‘, vgl. auch engl. what to say) gegenüber fläm. ik weet niet wat zeggen = frz, que dire ‚was sagen‘ mit der Weglassung der Konjunktion te wie im Französischen;…“ (Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen (1975), S. 274)
  4. Heinz Klose: Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800, S. 146
  5. Pierre Brachin: Die niederländische Sprache, S. 150


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