Germanische Sprachen

Aus Deutsche Geschichte
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Dieser Artikel behandelt die germanische Sprachfamilie. Siehe auch: Germanisch (Begriffsklärung)
Die heutigen germanischen Sprachen und deren Hauptdialekte


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Vorgaben des Dudens.

Germanische Sprachen [ˌɡɛʁˈmaːnɪʃə ˈʃpʀaːχən], ~ ˈʃpʀaːχn̩] pl., Eigenname, Sammelbegriff. Sprachwissenschaftliche Bezeichnung einer Anzahl eng miteinander verwandter Sprachen, die v. a. in Europa, Nordamerika, Afrika, Asien und Australien gesprochen werden. Heute werden germanische Sprachen von rd. 500 Mio. Menschen als Muttersprache gesprochen. Beiwort ist germanisch.

Klassifizierung

Gleich den Türksprachen existiert heute bei den germanischen Sprachen keine allgemein als gültig anerkannte Gliederung. Dennoch bildeten sich in den letzten Jahrzehnten gängige und plausible Einteilungsmöglichkeiten (Klassifikation) heraus, die sich entweder nach rein geografischen oder kulturellen Gesichtspunkten orientieren.
Der frühen Germanistik fiel auf, je weiter sie die germanischen Sprachen in die Vergangenheit zurückverfolgte, dass sich diese immer ähnlicher wurden. So kam die Hypothese auf, dass alle germanischen Völker der Jetztzeit einst eine gemeinsame Sprache, das Gemeingermanische, gesprochen haben müssen, das zudem leicht dialektal war. Schriftliche Belege dieser Sprachform existieren nur in Form von einigen Hundert Runensteinen. Das sog. Urgermanische ist nicht schriftlich überliefert, sondern die wenigen bekannten Wörter wurden aus Sprachvergleich mühsam rekonstruiert.

Nach einer älteren Klassifikation gehörte das Urgermanische zu den Kentumsprachen innerhalb des Indogermanischen. Die meist verbreitetste germanische Sprache stellt das Englische dar, dass vom Deutschen gefolgt wird.

Sprachgeschichte

Die Sprachtrennung des Urgermanischen vom Indogermanischen ist etwa im 1. Jtd. v. Chr. anzusetzen, als es sich durch die I. Lautverschiebung (auch germanische Lautverschiebung genannt, → Grimmsches Gesetz) von diesem trennte. Man nimmt heute vonseiten der Sprachwissenschaft an, dass die Vorfahren der später als germanische Völker titulierten Volksstämme auf ihre Wanderzügen nach Westen und Norden mit fremdsprachigen Völkern in einen Sprachkontakt traten und von diesen auch merklich beeinflusst wurden. Nur so lässt sich die Tatsache erklären, dass etwa ein Drittel des urgermanischen Grundwortschatzes sich nicht auf indogermanische Stammwörter zurückzuführen ist.

Um Christi Geburt lassen sich drei Großgruppen innerhalb der germanischen Sprachen feststellen:

  1. nordgermanische Sprachen, die um Christi Geburt in Skandinavien und Dänemark entstanden und dem Urgermanischen noch sehr nahestanden,
  2. westgermanische Sprachen, deren Entwicklungsstufen umstritten sind. Allgemein anerkannt ist ein gewisser keltischsprachiger Einfluss auf diese Sprachen, da sie in Nachbarschaft zu den Kelten lebten und
  3. ostgermanische Sprachen, die sich um 200 n. Chr. von den nordgermanischen Sprachen trennten und sich teilweise auf eigene Faust bzw. teilweise in Gemeinschaft mit den westgermanischen Sprachen weiterentwickelten.

Die modernen kontinantalwestgermanischen Sprachen, namentlich Englisch, Deutsch, Niederländisch und Friesisch, gehen vermutlich auf drei Sprachgruppen zurück.
Von diesen hat die Nordseegruppe oder Ingwäonisch die meiste Erwähnung in der Germanistik erfahren. Die Nordseegruppe stellte eine Art Bindeglied zwischen den nordischen Sprachen auf der einen und den Sprachen Englisch und Niederländisch auf der anderen Seite dar. Für die Nordseegruppe sind folgende Kennzeichen charakteristisch:

  1. Vor stimmlosen Reibelauten fällt n aus. So entspricht den deutschen Wörtern uns und fünf die englischen us und five. Das moderne Niederländische steht mit ons und vijf augenscheinlich zwischen diesen beiden Sprachen.
  2. Konsonanten werden weitgehend palataliesiert. So entspricht das deutsche Wort Kirche dem niederländischen Kerk bzw. dem englischen church [tʃ] und dem friesischen tsjerke [tʃ]. Das deutsche Tag entspricht im Niederländischen Dag und im Englischen Day sowie im Friesischen Dei.

Die Erkenntnis über die Struktur und der Substanz sowie die auf historisch-geografischen Tatsachen beruhende Gliederung der modernen germanischen Sprachen hat für die moderne Sprachwissenschaft keinen allzu großen Wert. Deutsch und Englisch, die als Volkssprachen bis ins 11. Jh. durch ein Dialektkontinuum miteinander verbunden waren, sind heute weiter voneinander entfernt als Deutsch und Isländisch, also zweier Glieder aus verschiedenen Hauptgruppen. Auch vom Grundwortschatz stehen Schwedisch und Dänisch dem Deutschen weit näher als dem Englischen.

Dadurch ergeben sich für Deutsche Vorteile zum Erlernen einer dieser Sprachen, das einfacher fällt als das Erlernen des Englischen. Innerhalb der Deutsch-Niederländischen Gruppe der germanischen Sprache scheidet sich seit 500  Chr. die hochdeutsche von der gemeingermanischen Gruppe. Das war eine Folge der II.  oder hochdeutschen Lautverschiebung.

Historische Einteilung der germanischen Sprachen nach der Stammbaumtheorie

Gotonordische Gruppe

Urnordisch

Ostgermanisch

Nordgermanisch

Westnordische/Altnorwegische Gruppe
Ostnordische/Dano-Schwedische Gruppe
Mittelnorwegische Gruppe

Westgermanisch/Südgermanisch

Anglofriesische Gruppe

Deutsch-Niederländische Gruppe

Niederdeutsche Gruppe
Westniederfränkisch
Ostniederfränkisch
Niedersächsische Gruppe
Hochdeutsche Gruppe

Gegenseitige Beeinflussung der germanischen Sprachen

Innerhalb der skandinavischen Sprachen wurde das Mittelnorwegische durch das Mitteldänische als offizielle Sprache zurückgedrängt, dass schon seit dem 14. Jh. in Norwegen als Schreibsprache verwendet wurde. Dadurch gingen die sprachlichen Verbindungen Norwegens zu den Kolonien auf den Färöern verloren und es begann dort die Verselbständigung des Färöischen.

Das Mitteldänische seinerseits stand 12./13. Jh. stark unter dem Einfluss des Mittelniederdeutschen. Dieses war nicht standardisiert, allgemein richtete sich die Schreibung nach dem Hauptort der Hanse, Lübeck. Das Mittelniederdeutsche strahlte auch weit nach Westen und Süden aus und stand dort in Konkurrenz mit dem Mittelniederländischen. So wurde das westfälische Sprachgebiet von diesem beeinflusst und im Niederländisch-Niedersächsischen existiert innerhalb der Niederlande ein starkes niedersächsisches Dialektgebiet.

Heutige germanische Sprachen

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. Stand dem Gemeingermanischen wohl lange nahe. Es ist bis ca. 800  Chr. durch zahlreiche Runeninschriften überliefert.
  2. Stellt die älteste schriftlich überlieferte germanische Sprachform dar. Westgotenbischof Ulfila übersetzte um 385 n. Chr. die griechische Bibel in die germanische Stammessprache. Geschrieben wurde das Bibelgotische in einer aus dem griechischen Alphabet erschaffenen Schrift, die einige Runenzeichen enthielt. Das Bibelgotische stellt jedoch keine Umgangssprache dar, da sich Ulfilas bei seiner Übersetzung eng an das griechische Original hielt und somit eine künstlich geschaffene Schreib- und Lesesprache ist.
  3. Löste das Urnordische als Schreibsprache der Runensteinen ab und stand der damaligen Umgangssprachen am nächsten. Es wurde in einem Runenalphabet aus 16 Zeichen geschrieben, wird heute allgemein in zwei Gruppen gegliedert und bestand 800–1200.
  4. Mit einer reichen Literatur aus der Zeit 12./14. Jh. Entsprach im Wesentlichen bis zum 14. Jh. dem Westnordischen auf den Färöer und Norwegen.
  5. Entstand 14./15. Jh., als das Norwegische in Skandinavien als offizielle Sprache durch das Dänische verdrängt wurde. Das Neuisländische ist heute die anarchistische germanische Sprache, die von allen der germanischen Ursprache am nächsten steht. Die Unterschiede zwischen Alt- und Neuisländisch sind dermaßen minimal, dass die Isländer beide als eine Sprache ansehen. (Quelle: Claus Jürgen Hutterer: Die germanischen Sprachen, S. 149) Neuisländische weist nur wenige fremdsprachige Begriffe und Redewendungen auf, die vor allem aus dem Dänischen und dem Englischen stammen. Das Deutsche beeinflusste das Isländische nicht in dem Maße wie die anderen nordischen Sprachen, da es der Hanse seinerzeit untersagt war, die Insel zu betreten.
  6. Bestand 1200/1530.
  7. Altertümlicher Dialekt auf der Insel Gotland
  8. Bestand 1200/1530.
  9. Altertümlicher Dialekt in der schwedischen Landschaft Schonen. Seit dem 17. Jh. stark vom Neuschwedischen überlagert.
  10. Dano-Norwegisch bzw. ein dänisiertes Norwegisch.
  11. Bestand 1200/1530. Bis zum 14. Jh. existierte zwischen Mittelnorwegisch und den westnordischen Sprachen der Färöer sowie dem Altisländischen ein Dialektkontinuum.
  12. Bestand 1200/1530. Im Wesentlichen mit dem damaligen Isländischen identisch.
  13. Steht phonetisch und lexikalisch dem Westnorwegischen und morphologisch dem Isländischen nahe. So orientiert sich die moderne Schriftsprache eng ans Altisländische und brachte das Färöische wieder in die Nähe der großen Schwestersprache.
  14. Seine Grundlagen bildeten die Dialekte der Angeln, Jüten und Sachsen, die um 450 n. Chr. auf die britische Inseln auswanderten. Das Angelsächsische bestand bis 700 und stand in einem engen Schreibsprachen- und Dialektkontinuum mit dem Altsächsischen.
  15. Bestand 700/1100. Nach der normannischen Eroberung der englischen Königreiche (1066) wurde die Sprache stark vom damaligen Französischen beeinflusst und das alte Dialektkontinuum zum Kontinentalwestgermanischen aufgelöst.
  16. Bestand 1100/1500 und wies eine reichhaltige Literatur auf.
  17. Seit 1500, wurde durch das britisches Weltreich zur meist gesprochenen germanischen Sprache. Weist heute zahlreiche regionale Varianten auf.
  18. Seit dem 18. Jh.; regionaler Dialekt des Neuenglischen in Schottland mit reichhaltiger Literatur.
  19. 13./16. Jh. schriftlich überliefert.
  20. Seit etwa dem 17. Jh. an.
  21. Seit etwa 1600 an in den Niederlanden verschriftet und Einflussnahme auf das Neuniederländische.
  22. In Deutschland auf der Stufe eines Dialektes und fast ausgestorben.
  23. Wie das Saterfriesische ebenfalls auf Dialektstufe angesiedelt. Zehn Hauptgruppen, mit denen weder untereinander als auch mit den anderen Varianten eine mündliche wie auch schriftliche Kommunikation möglich ist.
  24. Bestand 800/1200. Altniederdeutsch stand bis zum 11. bzw. 12. Jh. in einem Dialektkontinuum zum Angelsächsischen.
  25. Bestand 1200/1650. Seit dem 13. Jh. europäische Verkehrssprache (Deutsche Hanse) und Einflussnahme auf die nordgermanischen Sprachen. Basis kolonialniedersächsischer Mundarten in Deutschland und den baltischen Ländern.
  26. Seit 1650 und starke Beeinflussung durch die deutsche Standardsprache. Auf der Stufe von Dialekten und seit dem 19. Jh. besteht eine bescheidene Dialektliteratur. Seit 1995 in Europa als Regional- und Minderheitensprache anerkannt.
  27. Bestand 600/1050. Dialektal zersplittert mit der Tendenz einer schriftlichen Standardisierung.
  28. Bestand 1050/1350. Erstmals Deutschlandweite Bestrebungen, eine deutsche Standardsprache zu schaffen, die 1170–1250 ihren Höhepunkt finden.


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