Großdeutschland


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Großdeutschland [ˈɡʀoːsˌdɔɪ̯ʧlant] oder Grossdeutschland (schweiz.), Substantiv, Neutrum. Völkisches Konzept des 19. und 20. Jh.s eines deutschen Nationalstaates, der möglichst alle Deutschen des geschlossenen Sprachgebietes umfassen und dessen politische Grenzen sich an der Sprachgrenze orientieren sollte.

Der Duden definiert diesen Begriff wie folgt:

„1 a nationalsozialistisch (in der expansionistischen Vorstellung der Nationalsozialisten) durch den Zusammenschluss aller geschlossen siedelnden Deutschen zu schaffendes Deutschland
1  b Deutschland nach dem sogenannten Anschluss Österreichs (im Jahre 1938)
2 Deutschland als (besonders seit der Wiedervereinigung bedrohlich empfundene) wirtschaftliche Großmacht“

www.duden.de: Eintrag „Großdeutschland“, abgerufen am 26. Dez. 2016

Inhaltsverzeichnis

Synonyme

Etymologie, Anwendung

1848/49–1852

Im Zuge der Revolution von 1848/49 trat das deutsche Volk erstmals in seiner Geschichte geschlossen für die Errichtung eines zentralistisch-unitarischen deutschen Nationalstaates ein. Damit trat es in Gegensatz zu seinen Fürsten, die anstelle der erwünschten Volks- eine Adelsnation errichten wollte.

Großdeutschland ist seit dem Winter 1848/49 ein politisch geforderter und forcierter Lösungsansatz, inwieweit alle Deutschen ihre Nationalstaatsbildung bewerkstelligen könnten.
Der geforderte deutsche Nationalstaat sollte sich aus dem Gebiet des Deutschen Bundes, wobei dessen Gebietsstand von 1839 als maßgeblich betrachtet wurde. Das aus freien Wahlen hervorgegangene Paulskirchenparlament in Frankfurt am Main diskutierte ausführlich die damalige deutsche Frage, inwieweit Österreich und die preußischen Ostgebiete (Posen und Preußen) in Großdeutschland einzubinden seien.

Alle Parteien waren sich einig, dass Preußen als Gesamtstaat Großdeutschland beitreten sollte. Darüber hinaus wurde auch gefordert, dass das dänische Herzogtum Schleswig diesem aufgrund seiner politischen Verbindung mit Holstein diesem angehören sollte. Die sonstigen deutschen Siedlungsgebiete außerhalb der deutschen Grenzen (Elsass-Lothringen und die Deutschschweiz) wurden politisch nicht für Großdeutschland eingefordert.
Strittig war die Frage, inwieweit Österreich eingebunden werden sollte: Die Parteien der Großdeutschen und der Deutschnationalen vertraten die Ansicht, dass nur die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete des Kaiserreiches, die sie als Deutschösterreich titulierten, Großdeutschland angehören sollten, indes die Partei der Großösterreicher die Minderheitenmeinung vertrat, Österreich müsse diesem gesamtstaatlich beitreten. Die Partei der Kleindeutschen schloss sich mehrheitlich den Thesen der Großdeutschen und Deutschnationalen an, war aber bereit, die deutsche Einheit auch mit Ausschluss Österreichs durchzuführen.

Die Lösung der deutschen Frage scheiterte letztendlich an der Weigerung Österreichs, auf die Aufnahme seiner ungarischen Reichshälfte zu verzichten und es kristallisierte sich mit der staatsrechtlichen Organisation Norddeutschlands ein sog. Kleindeutschland heraus.

1867–1870/71

Nach dem Ende des Deutschen Bruderkrieges (1866), der letztendlich zur Auflösung des Deutschen Bundes (1867) führte, fiel dem Norddeutschen Bund die Rolle einer preußisch dominierten Einheitsbewegung zu. Mit der Gründung des Deutschen Reiches (1870/71) wurde Großdeutschland politisch ad acta gelegt und für obsolet erklärt, als die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund beitraten.
Dennoch blieb die großdeutsche Idee noch lange in den deutschen Mittelstaaten und in Süddeutschland verankert. Auch die in Österreich-Ungarn aktive Deutschnationale Bewegung in Österreich forcierte noch lange Zeit den bundesstaatlichen Beitritt Deutschösterreichs zum Deutschen Kaiserreich, nachdem sich die Deutschösterreicher plötzlich als sog. Grenzlanddeutsche sahen, die politisch nun vom übrigen Deutschtum abgeschnitten waren. Im Gegensatz zu Deutschschweizern und -luxemburgern, die aus diesem Grenzlanddeutschtum heraus ihre eigene ethnische Identität begründeten, verweigerten sich die Deutschösterreicher lange Zeit dem Gedanken, dass sie nunmehr keine Deutschen mehr seien.
So nimmt es auch nicht Wunder, dass die Deutschösterreicher auch radikale Ideologien entwickelten, die sich auf dem Deutschtum begründeten und die sich später in Völkischen und Deutschvölkischen manifestieren sollten. So nahm auch die Alldeutsche Bewegung in Österreich-Ungarn ihren Anfang.

1871–1918

Die Deutschnationale Bewegung in Österreich erhielt 1882 mit dem Linzer Programm ihr prägendes Gesicht, das auch ein Bekenntnis zu einem späteren Großdeutschland beinhaltete. Programmschwerpunkt war jedoch nicht primär die staatliche Verschmelzung der Deutschen Österreichs mit den Reichsdeutschen, sondern die enge politisch-wirtschaftliche Verflechtung Österreich-Ungarns mit dem Reich. Dem standen die Alldeutschen entgegen, die sich 1885 von Großdeutschen und Deutschnationalen getrennt hatten: Sie forcierten in aggressivster Weise die Dismembration der Donaumonarchie und den Anschlussgedanken. Die österreichische Alldeutsche Partei agierte also als Anschlussbewegung und vertrat die großdeutsche Idee am reinsten.

1918–45

Nach dem für das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn verlorenen I. Weltkrieg wurde durch nationalistische Kreise die großdeutsche Idee neu reaktiviert. So traten im Deutschen Reich und in Österreich alle politischen Parteien für Großdeutschland ein, worunter nun die staatliche Vereinigung Österreichs und des nunmehrigen Sudetenlandes mit der Weimarer Republik verstanden wurde. Auch sollten Danzig und das Memelgebiet der Weimarer Republik wieder angeschlossen werden, da diese mehrheitlich von Deutschen bewohnt und durch den Versailler Vertrag abgetreten worden waren. Als Maximallösung wurde die völkerrechtliche Anerkennung des Deutschen Reiches in den Grenzen vom 12. Nov. 1918 angestrebt, was im Grunde der Minimallösung des Paulskirchenparlamentes entsprochen hätte.

Auch der Vertrag von Saint-Germain-en-Laye enthielt vonseiten der Triple Entente für Österreich Bestimmungen, die Gebietsabtretungen und auch ein Anschlussverbot beinhalteten sowie den Eigennamen des jungen Staates, Deutschösterreich, verboten. Damit legten die Kriegssieger jene politische Zündschnur, die den II. Weltkrieg auslösen sollte, indem sie ein parlamentarisch-demokratisches Großdeutschland verhinderten. Es war v.&,bsp;a. die marxistische Arbeiterbewegung in Österreich, aber auch die des Reiches, die sich erneut der großdeutschen Idee annahmen, um die deutsche Arbeiterklasse in beiden deutschen Staaten ideologisch und staatsrechtlich zu vereinen.

Aber auch die politische Rechte, vor allem die Deutschvölkischen adaptierten diese Idee für ihre Zwecke. Doch hier standen vor allem rassenpolitische Gründe im Vordergrund: Gleiches Blut gehöre in ein gemeinsames Reich, verkündeten sie — und diese Forderung enthielt verklausuliert blutbedingte Ansprüche auf das Staatsgebiet anderer Staaten. Doch eine Sache einte die ideologischen Kontrahenten: Beide traten für die Revision der Friedensverträge ein, die beide Seiten als sog. Schandverträge ansahen.

Sowohl im Deutschen Reich als auch in Österreich bestanden nationalsozialistische Parteien, die für Großdeutschland eintraten. Deren erklärtes Hauptziel war es, die Minimallösung der großdeutschen Idee (Deutsches Reich + Österreich + Sudetenland) umzusetzen und darüber hinaus Danzig wieder zu erwerben. Doch die Maximallösung der großdeutschen Idee wurde von ihnen nicht vergessen:
Besonders die hitlerische NSDAP strebte ab 1942 die Schaffung eines Großgermanischen Reiches Deutscher Nation im Rahmen einer sog. europäischen Neuordnung an, das auf dem Alldeutschlandprojekt fußte und bis an den Ural reichen sollte.

Bis zum 1. Sept. 1939 wurde die Minimallösung umgesetzt, als am 13. März 1938 der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und zwischen dem 1. und 10. Okt. der Anschluss des Sudetenlandes erfolgte. Die versuchte Eingliederung Danzigs infolge der Verletzung der deutsch-polnischen Grenzen vonseiten der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe löste den II. Weltkrieg aus.

1945–heute

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht lag das Großdeutsche Reich Adolf Hitlers geschlagen, zerstört und gedemütigt danieder; der Führer und Reichskanzler hatte feigen Selbstmord begangen und Österreich bereits am 27. April 1945 seine staatliche Souveränität erklärt.
Darüber hinaus waren Mio. Deutsche und Volksdeutsche aus den Ostgebieten und dem Osten Europas vertrieben worden. Insgesamt verloren 16 Mio. Deutsche ihre Heimat, allein über 9 Mio. aus dem deutschen Osten. Die Alliierten hatten sich im Londoner Protokoll geeinigt, dass der Gebiets- und Personenstand des Reiches jener sei, wie er am 31. Dez. 1937 bestanden hatte.

Vonseiten der Österreicher bestand nun die Österreichfrage nicht mehr und auch das Gros der bundesdeutschen Rechtsparteien forcierten in der deutschen Frage nur noch die Vereinigung der beiden Teilstaaten mit den Ostgebieten.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks (ab 1988/89) begannen man vonseiten einiger rechtsextremer Parteien, auch wieder den Zusammenschluss BR Dtschld. mit Österreich einzufordern. Dieses sei wie die DDR und die Ostgebiete Teil Gesamtdeutschlands. Die radikale und extreme Linke warnte indes vor einem neuen deutschen Imperialismus, der entstünde, wenn sich BR Dtschld. und DDR vereinigen würden, und warnten die Welt vor einem neuen Großdeutschland.

Siehe auch

Fußnoten


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