Nordische Bewegung

Aus Deutsche Geschichte
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Nordische Bewegung (NB), Oberbegriff und Eigenbezeichnung diverser politisch-ideologischer Strömungen während der Weimarer Republik, die den betont rassistischen Zweig, und damit den extremen rechten Flügel, der völkischen Bewegung bildeten und die durch einen chauvinistischen Rassenantisemitismus und einem radikalen Rassengedanken vereint war. Mitgliederorgan war die Monatszeitschrift „Rasse“.

Das Gros ihrer Mitglieder und Sympathisanten waren auch dem Germanenorden und der daraus entstandenen Thule-Gesellschaft angehörig. 1921 gründeten Angehörige der nordischen Bewegung in Lübeck die Nordische Gesellschaft, die die Bewegung nach außen hin vertreten sollte.

Als radikalster Vertreter des Rechtsnationalismus übte die nordische Bewegung über einen gewissen Einfluss auf die deutsche Jugendbewegung und später auf die Rassenvorstellungen der SS aus. Trotz allem galt die nordische Bewegung innerhalb der extremen Rechten nur als sektenartige Randerscheinung[1]. Die Begriffe rassenhygienische Bewegung oder sozialdarwinistische Bewegung werden synonym verwendet.

Politische Ausrichtung

Die nordische Bewegung war großdeutsch, imperialistisch-chauvinistisch, nationalistisch, rassistisch, militaristisch, antidemokratisch, antiliberal und antimarxistisch eingestellt. Ferner wurde in ihr eine extreme Kirchenfeindlichkeit und ein aggressiver Rassenantisemitismus vertreten. So galt der Kampf der nordischen Bewegung, der Ausschaltung der Demokratie, des Marxismus und des Liberalismus auf der einen und die Ausschaltung der christlichen Kirchen sowie des jüdischen Einflusses in Wirtschaft und Kultur und die Aussiedlung der Juden nach Palästina auf der anderen Seite. Ironischerweise vertraten Teile der politischen Bewegung antikapitalistische Positionen, die sie wieder mit den ihnen verhassten Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten nahebrachte.

Die nordische Bewegung vertrat die These, dass abendländische Kultur allein von der nordischen Rasse erschaffen wurde. Ihre Aufgabe sah die Bewegung, die „nordisch-europäische Kultur“ von allen christlich-jüdischen („Judeochristentum“) und liberalen Einflüssen zu reinigen. Zugleich sollte das Germanentum aller Deutschblütigen und Artverwandten gestärkt werden. Gleich den Alldeutschen wurde als künftiger Nationalstaat ein nordisch-geprägtes Alldeutschland gefordert.

Die Mehrheit ihrer norddeutschen Anhänger und Sympathisanten kamen aus klein- und großbürgerlichen Verhältnissen und waren evangelisch. Hauptziel der nordischen Bewegung war es, die Deutschen ethnisch rein zu halten. Die Volksgemeinschaft sollte sich nur noch mit nordischen Völkern mischen, um sich so erneut „aufzunorden“. Eine Vermischung mit Romanen, wie sie von der völkischen Bewegung durchaus akzeptiert wurde, galt für die nordische für ausgeschlossen.

Das Kaiserreich Wilhelm des Zweiten sollte zum führenden Weltreich („deutsches Sendungsbewusstsein“) ausgebaut werden. Dafür wurden auch von der nordischen Bewegung für die Reichsdeutschen Kolonien eingefordert. Die Auswanderung ethnischer Deutscher (Volk ohne Raum) sollte gestoppt und Lebensraum in Osteuropa geschaffen werden. Den Slawen wurde die Rolle von Sklaven zugedacht. Darüber hinaus setzte sich die nordische Bewegung für die Stärkung des Auslandsdeutschtums und der Rechte der Volksdeutschen ein. Letztere sollten durch Zuzug Deutschblütiger einer Re-Germanisierung ausgesetzt werden, da man diese vonseiten der „Nordisten“ als Ergebnis einer weit geschrittenen „Rassenmischung“ sah.

Die christlichen Kirchen sollten abgeschafft und durch ein germanisches Neu-Heidentum ersetzt werden. Aus diesem Grunde agierte die nordische Bewegung in ihren Anfangsjahren unter dem Mjölnir-Symbol. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen auch die „Nordisten“ das Hakenkreuz als politisches Symbol. Nach 1920 geriet die nordische Bewegung in das Fahrwasser des von Adolf Hitler geprägten Nationalsozialismus.

Definition

Prolog

Der Terminus „nordische Bewegung“ ist eng mit der sozialdarwinistische bzw. rassenhygienischen Bewegung verbunden, die Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Engländer Francis Galton ihren Anfang nahmen. Diese propagierte die „Rassenreinheit“, die zur Vermeidung „erbkranken Nachwuchses“ die Zwangssterilisierung gesellschaftlich „Minderwertiger“ niederschlug. Der Mensch als solches habe sich dem Volksganzen unterordnen. Eine weitere Wurzel der nordischen Bewegung lag in der völkischen, vor allem im deren deutschvölkischen Flügel.

Vorreiter der nordischen Bewegung

Dort agierte seit 1914 der promovierte Germanist und Sprachforscher Hans F. K. Günther, der im Auftrage seines Verlegers Julius Friedrich Lehmanns zwischen 1920 und 1922 das Buch Rassenkunde des deutschen Volkes verfasste. In diesem vertrat er als Laie schließlich die Auffassung, dass sich das deutsche Volk aus sieben Rassen zusammensetze: Etwa 60 Prozent würden dem „edelsten Stamm“, der nordischen Rasse angehören, etwa 20 Prozent der ostischen. Etwa 15 Prozent der Deutschen wären rassisch von der dinarischen Rasse bestimmt, die den Einfluss der Balkanländer auf das Deutschtum symbolisieren würden. Der Begriff „ostische Rasse“ wurde gern von vielen Lesern fehlinterpretiert und mit der Bedeutung von „slawischer Einfluss“ belegt. Der Rest der Bevölkerung, etwa fünf Prozent, würde gänzlich aus Fremdvölkischen gebildet, denen Günther ab 1930 auch die Juden zurechnete. Aus diesem Grunde favorisierte Günther die „Aufnordung“ der Deutschen und warb für eine strikte Rassentrennung und „Gattenwahl“.

Sein Buch „Rassenkunde des deutschen Volkes“ war für die Allgemeinheit verfasst. Aus diesem Grunde war die Sprache einfach und das Buch reich bebildert. Es verkaufte sich bis 1942 etwa 124.000-mal. Seit 1928 war es auch in einer gekürzten Version erhältlich, die rasch den umgangssprachlichen Namen „Volks-Günther“ erhielt. Diese verkaufte sich bis 1942 etwa 295.000-mal. Daher galt im deutschvölkischen und nationalsozialistischen Lager schließlich als „Rassepapst“.

Bildung der nordischen Bewegung

Seit etwa 1900 arbeitete die rassenhygienische Bewegung auch mit der antisemitischen Bewegung. Beide favorisierten eine Aufnordung aller Deutschen. Noch während des Ersten Weltkrieges wurde die nordische Bewegung gegründet, indem sich beide Bewegungen vereinigten. Ihr politisches Manifest hatte die nordische Bewegung vor allem in den Veröffentlichungen Chamberlains und Günthers gefunden.

Ihre Anhänger und Symphatisanten vertraten die von Arthur Graf von Gobineau, Paul Anton de Lagarde und Houston Stewart Chamberlain aufgestellte These, dass europäische Kultur allein von der nordischen Rasse erschaffen wurde. Gleich Hans F. K. Günthers strebten sie eine allumfassende Rassentrennung im Sinne völkischen Rassenkunde an.

Die nordische Bewegung war durch ihre extreme Demokratie- und Kirchenfeindlichkeit sowie durch ihren chauvinistischen Rassenantisemitismus der radikalste Vertreter der völkischen Bewegung.

In der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik bildete die nordische Bewegung sektenartige Organisationen und Verbände. Der Großteil schloss sich in Lübeck zur Nordischen Gesellschaft zusammen. Kleinere Splittergruppen schloss sich 1924 der Großdeutschen Volksgemeinschaft an. Als jedoch im Februar 1925 die NSDAP als Partei wieder zugelassen wurde, schlossen sich die kleinere Verbände bis 1927 dieser Partei an. 1927 bekam Alfred Rosenberg von Adolf Hitler den Auftrag, einen nationalsozialistischen Kulturverband aufzustellen. Dieser agierte seit 1929 als Kampfbund für deutsche Kultur und arbeitete eng mit der Nordischen Gesellschaft zusammen. Dem „großen Rat“ der Nordischen Gesellschaft gehörten neben Rosenberg die SS-Angehörigen Heinrich Himmler und Walter Darré an. Aus diesem Grunde hatte die nordische Bewegung, obgleich eine der kleinsten Splittergruppen des deutschvölkischen Lagers mit ihrem ausgeprägten Rassismus ab 1931 einen immens großen Einfluss auf die Vorstellung einer völkisch abgestimmten Rassenkunde Himmlers und seiner Schutzstaffel. So fußten Himmlers Ordensgesetze der SS teilweise auf von der nordischen Bewegung vertretende Positionen.

Trotz ihres Einflusses auf die SS ging die nordische Bewegung nie einen programmatischen Zusammenschluss mit der NSDAP bei, obgleich Hans F. K. Günther 1932 ihr beitrat. Ihr Einfluss auf die SS begann, als 1931 mit Darré ein großer Bewunderer Günthers Himmlers schwarzen Orden beitrat. Darrè nahm in seinem Buch „Neuadel aus Blut und Boden“ (1930) deutliche Bezüge auf Forderungen, die auch in der nordischen Bewegung kursierten[2].

Mit der Einführung seines Heiratsbefehls für die SS erfüllte sich für die nordische Bewegung ein lang gehegter Traum: Himmler schien ihnen mit seinem SS-Befehl (rassisch bestimmte Gattenwahl) der Rassenmischung entgegentreten zu wollen und diesen zu einem Grundsatz der nationalsozialistischen Politik etablieren zu wollen. Denn um die künftig „Rassenreinheit“ der deutschen Volksgemeinschaft sicherstellen zu wollen, wurde noch im Dezember 1931 ein SS-Rasseamt begründet, aus dem Januar 1935 das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt wurde. Im Sommer 1933 wurde die Nordische Bewegung gleichgeschaltet und ihre Verbände lösten sich überwiegend auf und ihre Angehörigen traten überwiegend der SS bei. Einige Verbände agierten halboffiziell: So beispielsweise die 1921 gegründete Nordische Gesellschaft und der 1926 gegründete Nordische Ring, mit dem 1936 die Nordische Gesellschaft fusionierte. Die Nordische Gesellschaft überdauerte das NS-Regime und wurde erst 1957 aufgelöst.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Fußnoten

  1. Bastian Hein: Elite für Volk und Führer?, S. 97
  2. Bastian Hein: Eine Elite für Volk und Führer?, S. 98


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