Runen (got. Runa = Geheimnis), Eigenbezeichnung der Schriftzeichen der germanischen Völker. Ursprünglich waren Runen Teil der Magie und der Runenzauber sind mehrfach in der Edda dokumentiert. Als reine Schriftsysteme waren sie ursprünglich nicht gedacht, entwickelten sich jedoch in den nächsten Jahrhunderten als solche.

Als „Heilszeichen“ der Vorfahren verwendeten ab dem 19. Jahrhundert verschiedene deutschnationalistische Gruppen die Runen als politische Kennzeichen. Dieses Verfahren griffen im 20. Jahrhundert auch die Nationalsozialisten auf. So wurde beispielsweise die Sigrune in ihrer Verdoppelung unter dem Namen „SS-Runen“ zum Sinnbild der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Europa. Synonym werden die Runen — gleich dem lateinischen ABC — nach ihren ersten sechs Zeichen als F–U–TH–A–R–K oder auch als F–U–TH–O–R–K bezeichnet. Beiwort ist runisch.

Inhaltsverzeichnis

Besonderheit

Runen wurden in ihrer Anfangszeit nicht geschrieben. Vielmehr malte man sie auf Holz oder ritzte sie in Waffen, um den betreffenden Gegenstand mit dem „Segen der Götter“ auszustatten.

Verwendungszeit der Runen

Die germanischen Völker verwendeten die Runen zwischen dem 2. und 16. Jahrhundert. Bei den westgermanischen Völkern kamen sie jedoch im Zuge der Christianisierung bereits zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert außer Gebrauch und wurden durch das lateinische Alphabet ersetzt.

„ᛖᚲ ᚺᛚᛖᚹᚫᚷᚫᛋᛏᛁᚫ : ᚺᛟᛚᛏᛁᛃᚫᚫ : ᚺᛟᚱᚾᚫ : ᛏᚫᚹᛁᛞᛟ “

Umschrift: ek hlewagastiz : holtijaz : horna : tawido: Übersetzung: Ich Lebegast der aus Holstein stammende habe die Runen gemacht (Quelle: Goldhörner von Gallehus, 5. Jahrhundert)

Allein bei den Angelsachsen und den nordischen Völkern konnten sie sich länger halten. Bei den Letzteren letztendlich bis in die jüngere Neuzeit. Dort ging die Runenzeit im 16. Jahrhundert zu Ende. Eine Ausnahme bildet das Königreich Schweden, da sich in der schwedischen Landschaft Darlana bis ins 19. Jahrhundert stark vereinfachte und dem lateinischen Alphabet angepasste Runen („Dalrunen“) halten konnten. Diese wurden hauptsächlich von Bauern verwendet.

Verschiedene Thesen des Ursprungs

Über den Ursprung der germanischen Runen existieren verschiedene Meinungen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass die Runen eine nordgermanische Erfindung seien und sich von Nordeuropa aus in andere Regionen und Völker ausstrahlten:

„Von den Römern oder Griechen sind sie nicht entlehnt, eher können die 16 nordischen Runen jenes Alphabet von 16 Zeichen gewesen sein, dessen sich die Griechen bedienten, bevor sie die ionische Schrift annahmen. Hiemit stimmt überein, dass das der Griechen wie das R der Römer keine Vorbilder im phönikischen Alphabete haben, daher aus den Runen in diese Schriften gekommen sind. Hätten die nordischen Völker ihre Schrift von den Griechen oder Römern entlehnt, dann würden sie nicht nöthig gehabt haben, punktirte Runen zu machen, da sie ja die Zeichen für v, d, g, e, p hätten entlehnen können.“

Carl Faulmann in „Das Buch der Schrift“, Druck und Verlag der Kaiserlich-Königlichen Hof- und Staatsdruckerei Wien 1880, S. 161

In eine ähnliche Richtung ging die Germanistik in den 1920er, 1930er und 1940er Jahre. Man griff die deutsch-nordische Tradition auf und verbreitete die unhaltbare These, dass alle Schriftsysteme der Indogermanen auf den Runen der Nordvölker fußten, da diese das „nordische Kernvolk“ bilden würden. Die heutige Forschung geht davon aus, dass die Runen aus einem norditalisch-etruskischen Alphabet abgeleitet wurden[1].

Varianten der germanischen Runen (Runenreihen)

In der Zeit ihrer Verwendung entwickelten sich mehrere Runenvarianten. Diese waren grundsätzlich in drei Abteilungen, sogenannten „Geschlechtern“ (norw. ætt = Familie), die nach ihrer Anfangsrune benannt sind. Seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert tauchen bei verschiedenen germanischen Stämmen erstmals Runenzeichen auf. Bekannte Beispiele der frühen Runenzeit sind der Stein von Kylver (Gotland, 5. Jahrhundert), die Brakteaten von Vadstena und Grumpan (Schweden, 6. Jahrhundert), der Brakteat von Charnay (Burgund, 6. Jahrhundert) oder die Säule von Breza (Bosnien, 7. Jahrhundert). Doch keine von ihnen enthielten die älteste bekannte Runenreihe vollständig. Doch zeigen alle Runenreihe eine erstaunliche Einheitlichkeit untereinander und weisen nur sehr wenige Abweichungen auf.

Tabelle mit den gemeingermanischen Runen (24er Reihe)
Rune Name Bedeutung Lateinische Entsprechung
fehu Vieh, Besitz f
ūruz Ur, Auerochse u
þurisaz Riese þ/ð[2]
ansuz Ase a
raidō Ritt, Wagen r
kaunan Geschwür, Krankheit k
gibō (gute) Gabe g
wunjō Wonne w
/ haglaz Hagel h[3]
naudiz Not, Gefahr n
īsan Eis I
jēran (gutes) Jahr j
ī(h)gwaz Eibe [4]
perþrō Fruchtbaum p[5]
// algiz Elch -z bzw. -R[6]
/ sōwulō, sig Sonne, Sieg s
tīwaz Tyr t[7]
berk(a)nō, berkō Birkenzweig, Birke b
ehwaz Pferd e
mannaz Mann, Mensch m
laguz, laukaz See, Gewässer, Lauch l
ingwaz Yngvi, Ingwaz ŋ[8]
ōþal, ōðal Erbe, Stammgut, Erbbesitz, Adel o
dagaz Tag d

Wie in obiger Tabelle ersichtlich ist, weisen die Runenzeichen ᚲ, ᛜ und ᛃ eine andere Größe als die übrigen Runen auf. Sechszehn der vierundzwanzig Runenzeichen bezeichnen Mitlaute, sechs von ihnen Selbstlaute und zwei, namentlich j und w, sind Halbvokale.

Das Runenzeichen ᚦ bezeichnet den germanischen Dentalreibelaut <th>, der stimmhaft ([ð]) oder auch stimmlos ([θ]) sein kann. Das Englische und das Isländische behielten diesen Laut bis heute, in allen anderen lebenden germanischen Sprachen wurde dieser Laut in den Jahrhunderten zu <d>.

Das Runenzeichen ᛯ mit seinen Varianten wird heute wissenschaftlich mit <R> umschrieben. Doch drückte dieses Zeichen einst einen stimmhaften s-Laut aus, wie er in den Wörtern „Rose,“ „Sage“ oder „Dose“ vorkommt. In den nordgermanischen Sprachen wurde dieser stimmhafte s-Laut zu einem Zwischenlaut, der zwischen <s> und <r> angesiedelt war. Letztendlich wurde im Norden ein reiner r-Laut daraus, der mit <R> dargestellt wurde.

Angelsächsische Runenreihe

Im 5. Jahrhundert wanderten die Angelsachsen auf die britischen Inseln aus. Als Germanen waren auch ihnen die Runenzeichen bekannt. Lange Zeit hindurch wurden sie in den sächsischen Königreichen verwendet. Auch die christliche Kirche tolerierte die alten Runenzeichen und verwendete sie als Zierschrift. Doch da sich das Angelsächsische auf den britischen Inseln weiterentwickelte und neue Laute besaß, konnten diese nicht mit dem vorhandenen Runenalphabet dargestellt werden. Also wurde die 24 Zeichen umfassende gemeingermanische Runenreihe ergänzt: Anfänglich hatte die „angelsächsische Runenreihe“ 28 Zeichen. Auf ihrem Höhepunkt umfasste diese dann 33 Runen. Die neuen Formen leiteten sich als „Spross-Formen“ von den vorhandenen vierundzwanzig Altzeichen ab. So wurde aus der Rune ᚨ die Formen ᚪ und ᚩ abgeleitet, um neben den Laut <a> (['a]) auch den Laut <ä> (['ɛ]) und das offene <o> ([ɔ]) darstellen zu können.

Nordische Runenreihe

Im Gegenzug zur angelsächsischen Runenreihe, die weiter ausgebaut wurde, wurde im germanischen Norden ab dem Jahr 700 zahlreiche Runenzeichen abgeschafft. So umfasste die „nordische Runenreihe“ nur noch sechszehn Zeichen. Erstmals wurde die 16er-Reihe im Königreich Dänemark verwendet, sodass die 16er-Reihe auch vielfach als „dänische Runenreihe“ bezeichnet wird. Eine Lesung nordischer Texte aus dem 10. Jahrhundert wird dadurch erschwert, das eine Rune jetzt für mehrere Laute stand: Das Wort „König“ wurde in den nordischen Sprachen vor dem Jahr 700 als ᚲᛟᚾᚢᛜᛣ konuŋR geschrieben. Dagegen stand im 10. Jahrhundert die Runenschreibung ᚴᚢᚿᚢᚴᛣ kunukR.

Es gilt hier zu beachten, dass bis zur Verkürzung der Runenreihe im germanischen Norden von den dortigen Stämmen bei den Runeninschriften eine klassische Form des Altnordischen verwendet wurde. Diese idealisierte Schriftform der Nordgermanen wird heute als „Urnordisch“ bezeichnet und war im 7. Jahrhundert dem nicht schriftlich überlieferten Gemeingermanischen noch näher, als das im 5. Jahrhundert entstandene Bibelgotische, der ältesten schriftlich festgehaltenen germanischen Sprache. Ab dem Jahr 700 an wurde abrupt mit dieser Tradition gebrochen und die Nordgermanen begannen, die Inschriften in den gebräuchlichen Alltagssprachen zu verfassen. Im 12. Jahrhundert wurde bei den Nordgermanen begonnen, für jeden Laut ein eigenes Runenzeichen einzuführen, indem man vorhandene Formen mit einem Punkt ergänzte. Dieses Runensystem nannte man punktierte Runen oder auch „Waldemarrunen“ (benannt nach König Waldemar den Zweiten). Augenfällig ist nun die Reihenfolge dieser Runen: Diese folgen der Reihenfolge des lateinischen Alphabetes und jedem skandinavischen Laut war nun ein eigenes Zeichen zugeordnet.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. Werner König: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, S. 51
  2. Dentaler Reibelaut. Entspricht zum einen dem engl. <th> in thanks ([θ], stimmlos) und zum anderen dem <th> in this ([ð], stimmhaft).
  3. Die H-Rune mit dem Doppelstrich ist west- bzw. südgermanischen, die H-Rune mit dem Einfachstrich nordischen Ursprungs.
  4. Wird auch mit <ei> und <ï> dargestellt, da der Laut zwischen e und i steht. In Sekundärliteratur vielfach auch als <y> dargestellt.
  5. Diese Rune gilt als Geburtsrune und stellt wohl einen weiblichen Unterleib mit weit gespreizten Beinen dar.
  6. Endungskonsonant
  7. Diese Rune stellt die Kriegsrune dar, da sie dem Kriegsgott Tiwas geweiht war.
  8. Stimmhafter velarer Nasal wie das <n> in dt. "Fink" ([ˈfɪŋk]).


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