Sozialdemokratie


Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Empfehlungen des Dudens.

Sozialdemokratie [zoˈʦi̯aːldemoˌkʀaːtɪː], Substantiv, feminin. Eigenname und Sammelbezeichnung der sich, ab 1840, in den europäischen Staaten herausbildende ideologisch-politische Strömung innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung, die sich gleichermaßen für die Sozialisierung und Demokratisierung von Staat, Gesellschaft und Bevölkerung einsetzte. Die Sozialdemokratie gilt heute als internationale Ideologie. Beiwort ist sozialdemokratisch.

Im deutschen Sprachraum entstanden nach und nach aus der deutschen Sozialdemokratie die österreichische, schweizerische und luxemburgische, indes der Begriff deutsche Sozialdemokratie nur noch auf die des deutschen Nationalstaates bezogen wurde. Heute wird die Sozialdemokratie der D-A-CH-Staaten vielfach als deutschsprachige Sozialdemokratie bezeichnet.

Aber auch in den nordischen Ländern sowie in den Beneluxstaaten entwickelte sich die Sozialdemokratie zur regierenden bzw. zu mit regierenden Parteien.

Inhaltsverzeichnis

Synonym

Ideologisch-politische Ausrichtung, Ziele

Die Sozialdemokratie zählt heute zur gemäßigten Linken und stellt das Pendant zum Kommunismus dar. Sie gab ab 1900 allmählich alle sozialrevolutionären Forderungen zugunsten sozialreformerischer Bestrebungen auf, Staat und Gesellschaft im Rahmen der gegebenen parlamentarischen Gesellschaftssysteme zu verändern, und orientierte sich dabei gleichermaßen an Sozialismus und Demokratie. Daher organisierten sich sozialdemokratische Arbeitervereine zu politischen Parteien.

Der Kommunismus dagegen forciert bis heute den revolutionären Aktivismus, der alle gesellschaftlichen Veränderungen hauptsächlich durch Revolution erreichen will und er beruft sich dabei auf marxistisch-leninistische Traditionen. Die Sozialdemokratie versteht sich im Allgemeinen als Feind jeglicher rassisch-nationalistischen Bestrebungen und sieht sich als organischer Teil des Internationalismus und ist in der Sozialistischen Internationalen politisch zusammengeschlossen.

Doch in sog. Dritte-Welt-Staaten kann die Sozialdemokratie durchaus auch nationaldemokratische Positionen aufweisen, die Relikte eines dortigen Befreiungsnationalismus darstellen können.

Weltanschaulich vertritt die traditionelle Sozialdemokratie die Kernthesen der Sozialistischen Arbeiterbewegung: Proletarisierung der Gesellschaft, Sozialisierung der Großbetriebe und politische Stärkung der allgemeinen Arbeiterbewegung.
Im Gegensatz zu den Kommunisten gedachten Sozialdemokraten nie, diese Forderungen mittels Revolution und der Diktatur des Proletariats zu erreichen, sondern allein über die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. So gilt die v. a. deutsche Sozialdemokratie seit dem I. Weltkrieg als Synthese von sozialistischen und parlamentarischen Grundsätzen.

Entstehung, Parteibildungen

1840 entstanden europaweit diverse Arbeiterbewegungen, die unter dem ideologischen Einfluss des Marxismus standen. So schlossen sich auch im Deutschen Bund die Arbeiter zu einer Sozialistischen Arbeiterbewegung zusammen. Doch schnell zerbrach diese am internen Gegensatz zwischen Sozialdemokratie als solcher und Kommunismus, da Letzterer den politischen Umsturz forcierte.

Schnell entstanden in den europäischen Staaten Parteien, deren Grundsätze auf der Sozialdemokratie fußten, die aber für sich eine nationale Variante derselben ausprägten.

Deutsche Sozialdemokratie

Hauptartikel: Deutsche Sozialdemokratie

Die deutsche Sozialdemokratie entstand um 1863/69, als im Deutschen Kaiserreich sowohl der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein als auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurden. Diese beschlossen 1875 auf einem gemeinsamen Parteitag gemeinschaftlich geltende Grundlagen zu vertreten, die im Gothaer Programm definiert wurden. Im nachfolgenden Erfurter Programm bekannte sich die deutsche Sozialdemokratie in Form der SPD erneut zum Marxismus, schwor aber nun dem Klassenkampf und dem revolutionären Aktivismus immer mehr ab.

1933/45 war die deutsche Sozialdemokratie verboten und agierte bis zur bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht im politischen Untergrund. 1945 wurde die SPD als alliierte Lizenzpartei wiederbegründet und bezeichnet sich seit dem Bad Godesberger Programm (1959) als linke Volkspartei.

Österreichische Sozialdemokratie

Die österreichische Sozialdemokratie entstand 1888/89 unter der politischen Führung Victor Adlers, einem großdeutsch gesinnten Juden, der im Südosten des deutschen Sprach- und Siedlungsgebietes eine Sozialdemokratische Partei (SP) gründete, aus der letztendlich die heutige Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) hervorging. Die SP sah sich bis 1933/34 stets als Teil der deutschen Sozialdemokratie.

1907 wurde die Sozialdemokratie, nachdem in Österreich-Ungarn das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde, die stärkste politische Kraft im österreichischen Reichsrat.
1934 wurde sie durch den Austrofaschismus verboten und wurde elf Jahre später (1945) durch Karl Renner als Sozialistische Partei Österreichs wiederbegründet. 1991 wurde der aktuelle Name eingeführt.

Schweizerische Sozialdemokratie

Die Schweizerische Sozialdemokratie entstand durch den politischen Zusammenschluss der Sozialisten um 1870, die nicht nur Deutschschweizer, sondern die explizit alle Schweizer umfasste. So gehörten ihr auch Welsch- und Italoschweizer an.
1888 wurde in der Schweiz die Sozialdemokratische Partei der Schweiz gegründet.

Luxemburgische Sozialdemokratie

Die luxemburgische Sozialdemokratie ist eine recht junge Erscheinungsform. Sie bildete sich erst im Sommer 1902 heraus, als die Luxemburger Sozialistische Arbeiterpartei (LSAP) gegründet wurde. Während der reichsdeutschen Besetzung (1940/45) war die Partei verboten und wurde 1945 wiederbegründet.

Belgische Sozialdemokratie

Die belgische Sozialdemokratie begründete sich 1885 in Form der Belgischen Arbeiterpartei, die bis zur reichsdeutschen Besetzung der Beneluxstaaten 1940 bestand. 1945 wurde sie als Belgische Sozialistische Partei wiederbegründet und zerfiel 1978 in einen flämischen und wallonischen Parteiflügel.

Niederländische Sozialdemokratie

Die niederländische Sozialdemokratie wurde 1894 begründet, als sich verschiedene linke Kreise zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zusammenschlossen. Innerhalb der SDAP bestanden mehrere Flügel, die zum teil radikalmarxistisch und zum teil anarchistisch waren. 1909 trennten sich diese Flügel von der Mutterpartei. 1940 erfolgte durch reichsdeutsche Besatzungsmacht die Auflösung der SDAP, die sich 1946 in Form der Partei der Arbeit wieder neu organisierte.

Englische Sozialdemokratie

Hauptartikel: Englische Sozialdemokratie

Die englische Sozialdemokratie entwickelte zur heutigen Labor Party weiter, wo sie sich lange Zeit als reine Arbeiterpartei definierte.

Französische Sozialdemokratie

Die französische Sozialdemokratie entwickelte sich fast zeitgleich mit der deutschen aus der marxistischen Arbeiterbewegung heraus, wo sie in zahlreichen sozialistischen Splitterparteien organisiert war. Im Juni 1971 gründete François Mitterrand die Sozialistische Partei Frankreichs neu.

Italienische Sozialdemokratie

Die italienische Sozialdemokratie führt sich auf die 1882 gegründete Sozialistische Partei Italiens (SPI) zurück, die 1926 durch das faschistische Mussoliniregime verboten wurde. 1944 kam es im von den Alliierten teilbefreiten Italien zur Neugründung der SPI, die jedoch bereits drei Jahre später in zwei konkurrierende Flügel zerfiel: Die Sozialisten organisierten sich unter Pietro Nenni, die eigentlichen Sozialdemokraten unter Giuseppe Saragat.

Russische Sozialdemokratie

Die russische Sozialdemokratie bestand in Form der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die formal von 1898 bis 1917 bestand. Sie war aus der politischen Verschmelzung der Narodnikibewegung mit den Sozialrevolutionären entstanden. Sie entwickelte sich nach 1917 zum russischen Kommunismus in Form des Marxismus-Leninismus weiter.

Siehe auch


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