Arbeitsgemeinschaft der nord- und nordwestdeutschen Gaue der NSDAP

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Arbeitsgemeinschaft der nord- und nordwestdeutschen Gaue der NSDAP, Selbstbezeichnung des politisch linken Flügels innerhalb der NSDAP. Die Arbeitsgemeinschaft wurde am 10./11. September 1925 in Norddeutschland[1] und stand unter der Leitung Gregor Strassers. Politisches Sprachrohr der Arbeitsgemeinschaft waren die Nationalsozialistischen Briefe.

Am 1. Juli 1926 wurde sie im Rahmen einer „Führertagung“ aufgelöst. Die Bezeichnungen Strasser-Kreis und Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft Nordwest werden synonym verwendet.

Die NS-Arbeitsgemeinschaft Nordwest hatte später in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer national-sozialrevolutionärer Positionen einen großen Einfluss auf die Nationalrevolutionäre Bewegung. Den ersten Versuch, die Arbeitsgemeinschaft wieder zu beleben, stellt die kurzlebige Deutsch-Soziale Union dar.

Politische Ausrichtung

Am 27. Februar 1925 ward durch Adolf Hitler in München die NSDAP wiederbegründet, bei der von ihm der deutschvölkische Flügel bevorzugt wurde. Dieser war in der Verbotszeit politisch in der Großdeutschen Volksgemeinschaft organisiert. Die eher sozialistisch ausgerichtete Strömung wurde in dieser Zeit in der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands zusammengeschlossen. Diesem Flügel gehörten unter anderem Ernst Röhm, Joseph Goebbels und Victor Lutze an.

Parteipolitisch vertrat die NS-Arbeitsgemeinschaft zwar den völkischen Nationalismus, diesen aber in relativ abgeschwächter Form. Was sie auszeichnete war ihr national-sozialrevolutionärer Ruf, der sie in die Nähe der frühen Arbeiterbewegung brachte: Viele ihrer Positionen wurden auch vom Nationalbolschewismus vertreten und die NS-Arbeitsgemeinschaft war bestrebt, mit den Freisozialistischen Gewerkschaften und den Kommunisten zusammenzuarbeiten.

So stand die Arbeitsgemeinschaft für eine echte Sozialisierung des bestehenden Gesellschaftssystems und damit für die Enteignung und Verstaatlichung des Großkapitals. Ziel war es, nationalgesinnte Arbeiter des Ruhrgebiets und in Süddeutschland die Anhänger des eher österreichisch-geprägten Nationalsozialismus für sich zu gewinnen und damit der SPD und der KPD zu entziehen. So bezeichnete Joseph Goebbels den von der NS-Arbeitsgemeinschaft vertretenen Sozialismus als „deutsch“ und propagierte: „Wir sind deutsche Sozialisten!“

Flügelkämpfe

Nachdem Hitler nach seiner Verhaftung Alfred Rosenberg die kommissarische Führung der NSDAP (damals 55 787 Parteimitglieder) übertragen hatte, begannen innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung Flügelkämpfe, die sich in den Personen Hermann Esser, General Erich Ludendorff und Gregor Strasser verkörperten. Letzterer wurde am 11. März 1924 von Hitler beauftragt, die Nationalsozialisten Norddeutschlands zu organisieren. So begann Strasser ab Mai 1924, die verschiedenen nationalsozialistischen Gruppen in einer „Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands“ zu vereinen und stellte dafür eine „nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft“ auf, die sich als reine „Hitler-Bewegung“ auffasste.
Strasser erhielt durch Hitler weitreichende Vollmachten und berief für den 20. Juli 1924 zu einer Tagung ein, die im WeimarerHotel Hohenzollern“ stattfand und an denen etwa 80 Nationalsozialisten und einige nord- und westdeutsche NS-Funktionäre teilnahmen. An diesem Treffen nahm auch der alldeutsche Rechtsanwalt Adalbert Volck aus Lüneburg teil, der dem „Direktorium der norddeutschen NS-Verbände“ angehörte und einen vertraulichen Bericht darüber verfasste. Diesem „Direktorium“ gehörten die NS-Funktionäre der NSDAP-Gaue Pommern, Schleswig-Holstein, Groß-Hamburg, Hannover-Ost, Hannover-Süd, Bremen und Bremer Land sowie aus Teilen Westfalens an.

An dieser besagten Tagung sollte auch General Erich Ludendorff teilnehmen, doch da sich Ludendorff jedoch verspätete, verschlechterte sich die schon gereizte Stimmung unter den Anwesenden. Als er um 11 Uhr erschien, übergab Gregor Strasser als Vorsitzender Alfred Rosenberg das Wort. Während Rosenbergs Vortrag kam es vonseiten seiner internen Gegner zu beleidigenden Zwischenrufen, von denen sich vor allem Hermann Esser und Julius Streicher hervortaten. Als sich Rosenberg die Zwischenrufe verbat, protestierte Streicher energisch, mit den Worten, dass ihm Rosenberg nicht zu beleidigen vermochte. Ludendorff, so quittierte Volkck in seinem Bericht, tat nichts, um die gegnerischen Seiten zu versöhnen.

Letztendlich traten aber die norddeutschen Nationalsozialisten im Oktober 1924 der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung bei und das norddeutsche Direktorium unternahm alles, um Hitlers ersten Band von „Mein Kampf“ zu finanzieren.

Gründung

Nachdem im Februar 1925 die NSDAP als politische Partei wieder zugelassen ward, brachen die alten Flügelkämpfe wieder auf: Die sozialistische Rechte innerhalb der Partei stand unter dem Einfluss Gregor Strassers und seines Bruders Otto sowie Joseph Goebbels’ und Victor Lutzes. Diese bildeten in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1925 auf einer norddeutschen Gauleitertagung die „Arbeitsgemeinschaft der nord- und nordwestdeutschen Gaue der NSDAP“, der sich auch andere west- und norddeutsche Parteifunktionäre wie beispielsweise der Lüneburger Rechtsanwalt Adalbert Volck anschlossen.

Ihr Grundsatzprogramm („Der nationale Sozialismus“), von Gregor und Otto Strasser in Zusammenarbeit mit Joseph Goebbels und Karl Kaufmann entwickelt, ward durch Goebbels am 9. Oktober 1925 festgelegt und dieser in seiner Rolle als Geschäftsführer bestätigt. Die Programmpunkte der Arbeitsgemeinschaft waren betont sozialistisch ausgelegt und vertraten die Verwirklichung einer nationalen wie sozialen Revolution. Ein besonders radikal-völkischer Nationalismus wurde bewusst nicht ins Programm aufgenommen, und damit trat die Arbeitsgemeinschaft in Gegensatz zum starken süddeutschen Flügel, der vor allem aus Vertretern der deutschvölkischen Bewegung bestand.

Hannoveraner Führertagung

Am 22. November 1925 eskalierten die inneren Parteistreitigkeiten, als Gregor Strasser bei einer Gauführertagung in Hannover offenen eine ideologische Richtungsänderung der Partei forderte: Das von ihm mitentwickelte Programm NSDAP-Linken sollten nun das von Hitler 1920 verkündete 25-Punkte-Programm der NSDAP ablösen. Es ist bemerkenswert, dass in Strassers Grundsatzpapier („Der nationale Sozialismus“) nicht einmal der Begriff „Nationalsozialismus“ auftauchte. Als Hauptschwerpunkt der NSDAP-Linken galt vor allem die sozialistische Ideologie, während der Nationalismus nur zur näheren Kennzeichnung diente. So wurde in ihm die konsequente Sozialisierung des Gesellschaftssystems gefordert, was Strasses Kreis deutlich in die Nähe der Kommunisten und der freisozialistischen Gewerkschaften rückte. Auf der Hannoveraner Führertagung wurden Strasses Programmentwurf positiv aufgenommen, doch als dieser Ende Januar 1926 in der Münchner Parteizentrale bekannt wurde, tobte Hitler. So notierte Goebbels am 6. Februar 1926 in sein Tagebuch, dass der „Führer wütend wegen des Programms“ sei.

Bamberger Führertagung

Um seine Position als „Führer der nationalsozialistischen Bewegung“ durchzusetzen, berief Adolf Hitler zum 14. Februar 1926 eine NS-Führertagung ein, in deren Folge er zur Auflösung der Arbeitsgemeinschaft und zur ad-acta-Legung des Strasser-Programmes aufforderte. Während dieser Führertagung lief Joseph Goebbels zum Lager Hitlers über und die Arbeitsgemeinschaft verlor einen ihrer wichtigsten Vertreter. Trotz Hitlers Aufforderung blieb die Arbeitsgemeinschaft noch bis Ende Juni 1926 bestehen und sie wurde erst durch einen „Führerbefehl“ Hitlers am 1. Juli aufgelöst. (→ Bamberger Führertagung)

Die NSDAP-Linke galt nun als geschwächt, aber sie wurde weiterhin aktiv in das Parteigeschehen eingebunden. So stieg beispielsweise Gregor Strasser zum Reichsprogandaleiter und am 2. Februar 1928 sogar zum Reichsorganisationsleiter auf. Dennoch schwellte der alte Flügelkampf zwischen den Deutschvölkischen und der Sozialisten weiter, obgleich die NSDAP den bürgerlichen Eigentumsbegriff für sich übernommen hatte: So erklärte Gottfried Feder im Namen der Münchner Parteileitung, das der reichsdeutsche Nationalsozialismus jede Art der Sozialisierung und der Nationalisierung ablehne. Dennoch las die Parteilinke solches aus dem 25-Punkte-Programm heraus. Ihre politischen Gegner, vor allem die Deutschnationale Volkspartei, nutzten die inneren Streitigkeiten zu ihren Zwecken, indem sie behauptete, die NSAP wollen eine Art „nationalen Bolschewismus“ einführen.

Erst im Zuge des „Röhmputsches“ des Sommers 1934 wurde der linke Parteiflügel letztendlich entmachtet. Otto Strasser beispielsweise, der bereits 1930 die NSDAP im Streit mit Hitler verlassen und sich den Nationalbolschewisten angeschlossen hatte, wurde bei der von Adolf Hitler anbefohlenen Säuberungsaktion von kasernierten SS-Einheiten ermordet. (→ Die Sozialisten verlassen die NSDAP)

Siehe auch

Weblinks

Fußnoten

  1. Jan Schleusener: Eigentumspolitik im NS-Staat. Der staatliche Umgang mit Handlungs- und Verfügungsrechten über privates Eigentum 1933–1939, S. 46, abgerufen am 5. Juli 2014


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