Völkische Bewegung

Aus Deutsche Geschichte
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Völkische Bewegung (VB), seit 1875 Eigenbezeichnung diverser politisch-ideologischer Strömungen innerhalb des deutschsprachigen Raums, die sich zu einem losen Schutz-und-Trutz-Bündnis völkischer Agitationsverbände und Vereine zusammengeschlossenen hatten und sich politische Bewegung auffassten. Beiwort ist völkisch.

Die Völkische Bewegung wird heute allgemein der politischen Rechten zugeordnet und agierte vor allem im Deutschen Reich und im benachbarten Österreich-Ungarn[1].

Um etwa 1890 nahm sie ― großdeutschen Traditionen folgend ― die Farben Schwarz-Rot-Gold an[2]. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie auch in der sogenannten Weimarer Republik und in Österreich tätig. Doch als Folge des verlorenen Krieges radikalisierte sie sich zunehmend und vertrat gleich der ihr zugeordneten deutschvölkischen Bewegung einen aggressiven Rassenantisemitismus. Ab 1920 geriet die völkische Bewegung immer mehr in das politische Fahrwasser des Nationalsozialismus, der sie 1933 für nicht mehr existent erklärte.

Die Völkischen müssen jedoch strikt von der Antisemitischen Bewegung unterschieden werden, die parallel existierte und mit der es zahlreiche programmatische wie personelle Überschneidungen gab

Differenzen zu Wesensverwandten Organisationen

Die moderne deutschsprachige Geschichtsforschung setzt die Begriffe „völkisch“ und „deutschvölkisch“ gröblich gleich. Doch um der historischen Wahrheit gerecht zu werden, muss man eindeutig zwischen den Völkischen und den Deutschvölkischen unterscheiden. Letztere ist ein radikalisierter Zweig der Ersteren und wird als Sonderform des „Nationalismus“ angesehen. Im Bezug auf diesem wird den Deutschvölkischen nachgesagt, dass sie die Errichtung eines „Rassenstaates“ betrieben hätten[3]. Doch auch hier irrt die Wissenschaft, da es im wesentlichen nur die Nordische Bewegung betraf. Doch allen drei Gruppierungen war gemeinsam, dass sie das Bekenntnis zur Deutschblütigkeit und zur deutschen Gesinnung vertraten.

Politische Ausrichtung

Heute wird die Völkische Bewegung allgemein auf ihre vermeintlichen Komponenten „ethnischer Nationalismus“ und „Rassismus“ verkürzt. Doch sind ihre internen Strukturen viel komplexer und komplizierter: Die im 19. Jh. aufkeimende Rassenkunde war ein gesamteuropäisches Phänomen, dass sich bis in die Vereinigten Staaten auswirkte. Sie war nicht purer Nationalismus oder rassistisch, sondern galt als allgemein anerkannte Wissenschaft. Erst im Verbund mit einem chauvinistisch-aggressiven Staatsnationalismus entwickelte sich aus der Rassenkunde ein „rassenbestimmter“ (völkischer) Nationalismus, der nun politisierend mit dem Antisemitismus verknüpft wurde.

Die Völkische Bewegung begriff sich als politisch-sozial, entstand aber selbst aus deinem Diskurs heraus. So galt sie als völlig inhomogen und zerstritten. Allen Agitationsverbänden und Vereinen gemeinsam war der von ihnen vertretene Rechtsnationalismus, die Kritik an der zweiten Modernen und die damit verbundene Hinwendung zur ersten. Auch galt die völkische Bewegung als Mittelstandsorientiert.

Man kann heute zwischen vier Gruppierungen unterscheiden, die unterschiedlichen politisch-ideologischen Strömungen folgten:

  1. Deutsche Kolonialbewegung
  2. Alldeutsche Bewegung
  3. Deutsche Kultur- und Lebensreform
  4. Rassehygienische Bewegung

Die Alldeutsche Bewegung zerfiel ab 1901 in die beiden Flügel Alldeutscher Verband (Deutsches Reich) und Alldeutsche Vereinigung (Österreich-Ungarn). Hinzu kamen noch diverse völkisch orientierte Gemeinschaften, die sich der Völkischen Bewegung zurechneten. Alles in allem galt die völkische Bewegung in ihrer großen Masse als gemäßigt und nicht als rassistisch. Sie ist vielmehr als „nationalistische Bewegung“ anzusehen und zu bezeichnen[4].

Durch ihre Ablehnung sämtlicher demokratischer Gesellschaftssysteme, des Sozialliberalismus und der Sozialdemokratie wird die Völkische Bewegung heute der politischen Rechten zugeordnet. Ihre Verbände agierten in unterschiedlicher Stärke chauvinistisch, rassenantisemitisch und militaristisch sowie kirchenfeindlich. Einige ihrer Verbände vertraten national- und sozialrevolutionäre Positionen, die sie in die politische Nähe des von ihnen allgemein verhassten Marxismus brachten. Der „politische Kampf“ der in der völkischen Bewegung zusammengeschlossenen Agitationsverbände lief in erster Linie auf die Zerschlagung der freisozialistischen Gewerkschaften, als Hauptvertreter des Marxismus, und der Bekämpfung der Zentrumspartei als Hauptvertreter des politisch organisierten römisch-katholischen Christentums. (→ Los-von-Rom-Bewegung).

Ab etwa 1900 war es in der gesamten Völkischen Bewegung Usus, dass die deutsche Volksgemeinschaft nur noch ethnisch bezogen sein dürfe und dass ihr die jüdische Minderheit in Deutschland nicht angehöre. Um dieses sicher zu stellen, wurde vor allem von der rassenhygienischen Bewegung eine strikte Rassentrennung gefordert. So sollte die Volksgemeinschaft durch Eheschließung mit anderen germanischen Völkernaufgenordet“ werden. So sollten denn auch die Ehe Deutschblütiger mit Fremdblütigen (Slawen, Juden, Zigeuner usw.) generell verboten werden. Die breite Masse der völkischen Bewegung akzeptierte auch die Ehe mit „Artverwandten“, welche von den „Nordisten“ abgelehnt wurde. Etwa Zeitgleich begann die Völkische Bewegung auch das Auslandsdeutschtum zu unterstützen. So wurde im Reich beispielsweise der Alldeutsche Verband mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, Auslandsdeutschen bei der Bewahrung ihres Deutschtums behilflich zu sein. Aber auch die Flämische Sprachbewegung Belgiens wurde von ihr unterstützt, da sie eng mit der Niederdeutschen Bewegung zusammenarbeitete.

Infolge des von der Deutschvölkischen Bewegung übernommenen Rassenantisemitismus, forderte die Völkische Bewegung, dass die 1878 durchgeführte Emanzipation der Juden im Reich und Österreich-Ungarn zurückgenommen werde. Um jedoch keine liberal und demokratisch gesinnten Anhänger und Sympathisanten zu verlieren, wurde er nicht offen, sondern versteckt vertreten. So sprach man sich offiziell in der Bewegung für eine „Eindämmung jüdischen Einflusses in Wirtschaft und Kultur“ aus[5].

Innerhalb der Völkischen Bewegung war man sich einig, dass das Kaiserreich Wilhelm des Zweiten zum führenden Weltreich aufsteigen sollte, und so propagierte 1911 vor allem die Kolonialbewegung in Form des deutschen Kolonialbundes und der Flottenverein die Losung „Ein Volk – ein Gott – ein Reich“, mit der fürs Reich Kolonien und eine starke Kriegsmarine eingefordert wurde.

Zusammensetzung

Die Mehrheit der überwiegend männlichen Mitglieder der Verbände entstammten dem Klein- und Großbürgertum, war evangelisch und überwiegend als Kaufleute, Gewerbetreibende und Handwerker sowie als Angestellte und Beamte tätig. Besonders hoch war dort der Anteil der Lehrer oder der neu aufgestiegenen Mittelschicht. Was in der Völkischen Bewegung auffällig war, war die Tatsache, das ihr kaum Landwirte, Bauern und Arbeiter angehörten. Obgleich einige Mitgliedsorganisationen als Parteien agierten, war die Masse in Vereine und Verbände organisiert[3].

Mitgliedsorganisationen

Die genaue Anzahl aller als völkisch definierten Verbände und Vereine zu ermitteln, ist schier unmöglich. Eine Hauptursache hierfür ist, dass das Adjektiv „völkisch“ vielfach nur für „national“ stand. Vor allem die zahlreichen Bünde der bündischen Jugend waren davon betroffen, da sie sich zwar „völkisch“ auffassten, aber „national“ agierten. So ist deren „völkische Arbeit“ vielfach als „Basisarbeit“ aufzufassen[6]. Heiner Timmermann in seinem Buch „Nationalismus und Nationalbewegung in Europa 1914–1945“ fest, dass die zahlenmäßige Stärke der Bewegung nicht genau bestimmen lässt. Die Mitglieder der völkischen Parteien, Vereine und Verbände umfassten einerseits einen bestimmten Personenkreis, der in mehreren völkischen Organisationen aktiv war, zum anderen auch jenen Personenkreis, der sich nur aktiv für die Verflechtung völkischer Ziele verschrieben hatte[7].

Als Völkische Bewegung im eigentlichen Sinne werden etwa 150–200 Gruppierungen zusammengefasst, die vor allem im Reich und im angrenzenden Österreich agierten. Von diesen Gruppierungen zählten sich 1920 rund 72 zur Deutschvölkischen Bewegung, wie es das im selben Jahr erschienene „deutschvölkische Jahrbuch“ (Verzeichnis deutschvölkischer Vereine, Bünde und Orden) auswies. Diese agierten sowohl in der sogenannten Weimarer Republik als auch in Österreich und der Tschechoslowakei und bis 1922 stieg deren Zahl auf 89 Organisationen an[8].

Insgesamt zählten sich 1913/14 rund 500 000 Männer und 80 000 Frauen zur völkischen Bewegung, wobei Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften nicht ausgeschlossen werden können[9]. Eine der wenigen Verbände, die Frauen aufnahm, war die 1910 gegründete Gesellschaft Wodan, die sich ab 1912 in „Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ umbenannte. Ferner bestanden seit den 1890er Jahren auch reine Frauenverbände wie der „Deutscher Frauenverein für die Ostmarken“ und der „Kleeblattbund deutscher Frauen“. Aufgrund des geringen Frauenanteils galt die Völkische Bewegung als Männerbund und ihr größten Verbände waren:

  1. Deutscher Flottenverein (331 493 Mitglieder)
  2. Deutscher Wehrverein (90 000 Mitglieder)
  3. Verein für das Deutschtum im Ausland (57 452 Mitglieder)
  4. Deutscher Ostmarkenverein (54 150 Mitglieder)
  5. Deutsche Kolonialgesellschaft (42 000 Mitglieder)
  6. Allgemeiner Deutscher Sprachverein (30 000 Mitglieder)
  7. Alldeutscher Verband (18 000 Mitglieder)

Die Zugehörigkeit einiger Verbände wie dem Tannenbergbund oder dem Deutschvolk, aber auch der Artamanen und der Deutschen Glaubensgemeinschaft zur Völkischen Bewegung wird von einigen Historiker erwogen, von anderen jedoch bestritten.

Aktionsgebiete

Als die Völkische Bewegung entstand, war sie nur in wenigen Teilen des Reiches aktiv. Ihre politischen Schwerpunkte hatte sie im Königreich Sachsen, in Nordhessen und Hamburg sowie in Berlin. Von den 1892/93 aktiven Verbänden der völkischen Bewegung war nahezu die Hälfte in Sachsen (60) und Hessen (30) ansässig. Die Gesamtzahl aller damaligen Verbände soll zu dieser Zeit rund 200 betragen haben[10].

1880 organisierte sich ein Teil der Völkischen unter Otto Böckel in Erfurt zur Antisemitischen Volkspartei, die sich 1893 in die Deutsche Reformpartei (DRP) reorganisierte und die ihre Schwerpunkte in den hessischen Staaten und in Ostsachsen hatte. 1890 organisierten Theodor Fritsch und Max Liebermann von Sonnenberg die Deutschsoziale Partei (DSP), die ihren Namen Paul Förster verdankte. Deutschsoziale und Antisemiten unterschieden sich vor allem in zwei Hauptforderungen: Letztere forderte die Ausdehnung des für den Reichstag geltenden allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechtes auch au die parlamentarischen Körperschaften der Bundesstaaten und auf einen Verzicht auf Ausbau der Sozialversicherung[11].

Die Bauern und Landwirte Norddeutschlands und Ostelbiens waren im Bund der Landwirte (BdL) vereinigt. Dieser schloss sich in der Folgezeit der Völkischen Bewegung an und dehnte deren Einflussbereich über die Kerngebiete Hessens und Sachsens aus.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg explodierte die völkische Bewegung geradezu und gewann nun Gebiete, in denen sie vor dem Kriege keine Aktivität aufweisen konnte. Vor 1918 war sie vor allem in Nordhessen, Berlin, Hamburg und einigen kleineren Gebieten in Norddeutschland aktiv, so dehnte sich die Völkische Bewegung im Zuge der Expansion des deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes (DSTB) nun auch Franken, Westfalen, Schaumburg-Lippe, Lippe-Detmold, der Rheinprovinz, Hannover, Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Oberschlesien aus. In Schleswig-Holstein, das überwiegend linksliberal und sozialdemokratisch orientiert war, konnte der DSTB bis 1922 mehr als 23 Ortsgruppen gründen. Allein in Südbayern, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz konnten nur 18 bzw. 22 Ortsgruppen gegründet werden. Hier stand die Völkische Bewegung in starker Konkurrenz mit völkisch orientierten Parteien und Verbänden wie der NSDAP und dem Verband nationalgesinnter Soldaten[12].

Vorläufer

Karte Mitteleuropas vor den Befreiungskriegen von 1813

Eine der Wurzeln der Völkischen Bewegung liegt in der Nationaldemokratischen Bewegung und den Befreiungskriegen. Da der Deutschen Bewegung eine chauvinistische Judenfeindlichkeit fremd war, wurde sie von breiten Schichten der deutschbewussten Bevölkerung, einschließlich der jüdischen, getragen. Der Adel stand allerdings der Bewegung ablehnend gegenüber. Er sah in ihr eine mögliche Beschneidung seiner traditionellen Rechte. Im Zuge des aufkommenden Nationalismus entstand auch bei den Deutschen ein Nationalbewusstsein. Infolge der französischen Besatzungspolitik in Mitteleuropa entstand bei allen Völkern Europas die Idee der Nationalstaatsbildung. Erste Ansätze hierfür erfuhr die spätere völkische Bewegung im Turnerbund des Friedrich Ludwig Jahn („Turnvater Jahn“). Dieser strahlte bis nach Österreich aus.

In der vorherrschenden Epoche der Romantik wurden bei allen europäischen Völkern aus dem allgemeinen Nationalismus verschiedene regionale Varianten entwickelt. So entstand bei den Deutschen beispielsweise ein auf dem eigenen Volkstum begründeter ethnischer Nationalismus, der etwas später als völkischer Nationalismus bezeichnet wurde. Erstmals wurde das Volkstum der Deutschen auch mit der Rassenfrage verbunden. Vor allem Reichsdeutsche und Deutschösterreicher empfanden sich als eine einheitliche Sprach- und Kulturnation. Das war Folge der bekannten Tatsache, dass das deutsche Sprachgebiet auf mehrere Staaten verteilt war und nicht in einem Nationalstaat organisiert war. Stattdessen wurden sich Deutsche immer mehr bewusst, dass sie vor allem über die gemeinsame Sprache und Kultur miteinander verbunden waren. Letztendliches Ziel war die Errichtung eines deutschen Gesamtstaates. Dem Nationalstaatsprinzip folgend, sollte nun möglichst die gesamte deutsche Sprach- und Kulturnation in einem gemeinsamen Staat zusammengefasst werden. Einen ähnlichen Weg schlugen auch die verschiedenen slawischen Völker ein, die vor allem in der Doppelmonarchie und in Russland lebten.

Der Deutschnationalismus Österreichs als Vorbild der völkischen Bewegung

Österreich wurde nach dem Ende des deutschen Bruderkrieges (1866) an der weiteren nationalstaatlichen Entwicklung Deutschlands ausgeschlossen. Aus der deutschen Bewegung heraus entwickelte sich in der Donaumonarchie die Deutschnationale Bewegung in Österreich. Diese entstand aus dem Bestreben der Deutschösterreicher, deren führende Stellung im Staate und den Bestand der gemischtsprachigen Siedlungsgebiete zu sichern. Bei einigen rechtsradikalen Deutschen Österreichs, den Alldeutschen, wurden ab 1885 erstmals offen antisemitische Positionen vertreten, die allerdings nicht von der Mehrheit der Anhänger des Deutschnationalismus geteilt wurden.

Der ethnisch motivierte Deutschnationalismus gelangte durch die Vermittlung der deutschen Mittelstaaten, die sich seit jeher stark an Österreich orientierten, in das Gebiet des preußisch dominierten Norddeutschen Bundes. Vor allem in Preußen wurde aus dem gemäßigten Deutschnationalismus der Deutschösterreicher ein radikal-chauvinistischer völkischer Nationalismus entwickelt. Dieser wurde durch die entstehende Rassenlehre weitgehend beeinflusst und bildete die Basis der Völkischen Bewegung. Völkische Mystiker und Theoretiker verkündeten, dass die arische Rasse die höchste Kulturform der Menschheit und das die Germanen deren Hauptvertreter in Europa darstellten. Innerhalb der Arier sollte nach damaliger Vorstellung die nordische Rasse die wichtigste Gruppierung darstellen. Diese sei angeblich von allen Fremdeinflüssen frei geblieben. Juden, Zigeuner und andere fremdvölkische Minderheiten wurden in dieser Rassentheorie als „minderwertig“ angesehen und eingestuft.

Die Völkische Bewegung im Deutschen Reich

Als am 18. Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich ausgerufen und die deutsche Nationalstaatlichkeit etabliert wurde, erfuhr auch der völkische Nationalismus eine starke Politisierung.

Ab 1875 agierte der reichsdeutsche Nationalismus unter der Bezeichnung „Völkische Bewegung“, der sich zunächst nur Intellektuelle anschlossen. Um 1900 erfuhr die Völkische Bewegung innerhalb der reichsdeutschen Bevölkerung eine breite Anerkennung, nach dem sich Kaiser Wilhelm der Zweite offen zum völkischen Nationalismus und dem Rassenantisemitismus bekannte.

„Völkisch“ wurde nun vielfach mit nationalistisch und vaterländisch gleichgesetzt: Das Deutsche Reich verband nun seinen rassisch begründeten Nationalismus mit seiner militärischen Stärke. Doch mit dem militärischen Erstarken des Reiches empfanden sich nur noch dessen Bewohner als Deutsche. Und so wurde der völkische Nationalismus nur noch auf das Staatsgebiet des Reiches angewandt. Dort galt vor allem der „Kampf gegen allem Undeutschen“ als wichtigstes Ziel: Dänen, Polen und Franzosen sollten assimiliert, Juden entmachtet und vollständig assimiliert bzw. bei Verweigerung einer Germanisierung ausgesiedelt werden. Um jedoch einer Vernachlässigung der Auslandsdeutschen entgegenzuwirken, wurde 1881 der Allgemeine Deutsche Schulverein gegründet, der seinen Sitz in Berlin hatte. Er kümmerte sich um das Auslandsdeutschtum und die zahlreichen Sprachinseln.

Im Großherzogtum Hessen zogen bei den Reichstagswahlen von 1893 auch die ersten Völkischen in die Landtage ein. Dort vereinten sie 11,3 Prozent aller Stimmen und stellten damit fast dieselbe Anzahl an Abgeordneten wie die Sozialdemokraten. Doch bereits 1898 nahm der politische Einfluss der völkischen Bewegung wieder merklich ab.

Radikale Antisemiten der völkischen Bewegung etablierten ab 1900 an deren rechten Rand die Deutschvölkische Bewegung. Ihr gehörte als Gliederung auch die Alldeutsche Bewegung an, aus der 1901 zum einen der Alldeutsche Verband (Deutsches Kaiserreich) und zum anderen die Alldeutsche Vereinigung (Österreich-Ungarn) entstand.

Völkischer Nationalismus in Österreich-Ungarn

Um 1901 genoss der völkische Nationalismus Preußens auch im benachbarten Österreich-Ungarn allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz: In diesem Jahr schlossen sich im Wiener Reichstag Großdeutsche mit Deutschnationalen zur Alldeutschen Partei zusammen, die weitestgehend großdeutsche Positionen vertrat. Vorsitzender der Alldeutschen war Georg von Schönerer, ein begeisterter Anhänger Bismarcks und Wilhelm des Zweiten. Dieser stellte offen die Daseinsberechtigung der Donaumonarchie infrage.

Völkische Bewegung und die Emanzipationsbewegung der Frauen

Die Völkische Bewegung galt als reine Männervereinigung, obgleich es in ihr ideologische Strömungen gab, die eine aktive Einbindung von Frauen in ihren Reihen duldeten und förderten. Frauen galten allgemein nur als Begleiterinnen und Förderer ihrer Männer, soweit diese in der Völkischen Bewegung agierten. Die aufkommende Emanzipationsbewegung der Frauen wurde von den meisten völkischen Verbänden und Vereine als „Verfallserscheinung“ der bestehenden Gesellschaftsform betrachtet, deren Ursache in der Rassenmischung der Bevölkerung lag. Die Frau hatte ihre von den Männern zugedachte Rolle, für den „Rassenerhalt“ und Fortbestand des Volkes zu erfüllen. Aus diesem Grunde war die Anzahl aktiv mitwirkender Frauen innerhalb der Völkischen Bewegung eher klein; doch mit dem Bismarck-Frauenverein und der Deutschen Schwesternschaft existierten innerhalb der Bewegung reine Frauenverbände. Deren Einfluss auf die Völkische Bewegung ist eher als gering zu betrachten.

Versuch einer Einflussnahme der völkischen Bewegung auf Studentenschaft und Jugendbewegung

Das Verhältnis der völkischen Bewegung auf die deutsche Jugendbewegung gilt heute allgemein als zwiespältig. Während gemäßigte Kreise der Bewegung gewissen Einfluss auf die Bündische Jugend aufwiesen, galt die versuchte Einflussnahme der Deutschvölkischen Bewegung aus gescheitert.

1880/81 wurden von radikal-völkischen Studenten, die sich in den Vereinen deutscher Studenten organisiert hatten, ein sogenannter Arierparagraph eingeführt, der Juden generell eine Mitgliedschaft untersagte. 1909 wurde an der Berliner Universität ein deutschvölkischer Studentenverband ins Leben gerufen, in dem zahlreiche Vertreter des völkischen Lagers, namentlich Adolf Bartels, Otto Böckel und Ernst Wachler sowie Ludwig Wilser, auftraten. Letzterer gilt als einer der Gründungsväter der deutschvölkischen Bewegung.

1925 wurde in der Weimarer Republik die Völkische Studentenbewegung gegründet, während der im Juni 1920 gegründete Deutsche Hochschulring immer mehr in das Fahrwasser der DNVP geriet.

Als radikaler Vertreter der deutschen Jugendbewegung galten die Fahrenden Gesellen, die Jugendorganisation des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes: Dieser wurde in den Alldeutschen Blättern als „unbedingt zuverlässig“ bezeichnet, da sie konsequent die Einführung des „Arierparagraphen“ durchgesetzt hatten.

Gemäßigte Kreise der völkischen Bewegung agierten in der Wandervogelbewegung, um diese langsam für den deutschen Nationalismus und Antisemitismus zu öffnen. Innerhalb der Wandervogelbewegung tat sich vor allem der Jungdeutsche Bund hervor, der allgemein als erster völkisch-nationaler und chauvinistisch-rassistisch orientierter Jungendbund gilt: Dieser hatte das „Blutbekenntnis“ seiner Mitglieder zur Aufnahmebedingung gemacht und durchgesetzt.

Dennoch war der Einfluss der Völkischen Bewegung auf die gesamte Jugendbewegung gering und die Vermutung späterer Historiker, dass die diese zu mindestens einem Drittel als „völkisch“ zu bezeichnen sei, ist anzuzweifeln: Hier wurde nationalistisch vielfach mit völkisch gleichgesetzt. Ihre Einflussnahme auf die nationalgesinnte Studentenschaft scheiterte ebenfalls, da diese sich in der Deutschen Burschenschaft organisierte. Die völkischen Studentenorganisationen waren aber einer der Wegbereiter des späteren NS-Studentenbundes.

Die Völkische Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914–1918) radikalisierte sich die Völkische Bewegung zunehmend. Vor allem der Alldeutsche Verband erstrebte im Sinne des von ihr vertretenden Rechtsnationalismus die Errichtung eines „Alldeutschlands“, das unter der Führung der Hohenzollern stehen sollte. Das Gros der Völkischen orientierte sich wieder an großdeutsche Positionen und nahm infolge dessen die Farben Schwarz-Rot-Gold an.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges agierte die Völkische Bewegung nun offen rassenantisemitisch. Bis 1920 führten nur noch eine Minderheit der Völkischen Bewegung die Farben Schwarz-Rot-Gold. Da diese Farben nun für die junge Demokratie in Form der Weimarer Republik standen, führten die Völkischen nun die alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot. Neben ihren Kerngebieten in Nordhessen, Hamburg, Berlin und Sachsen dehnte sich die Völkische Bewegung über das ganze Reichsgebiet aus. Nur Südbayern und die beiden Mecklenburg konnte nicht gänzlich von ihr gewonnen werden, da in ihnen unter anderen die NSDAP agierte.

Der Alldeutsche Verband war um 1920 immer noch einflussreich, aber seinen Zenit hatte er bereits überschritten. Noch 1918 gab die Deutschvölkische Bewegung und mit ihr die Deutschnationale Volkspartei die Losung aus, dass das „Finanzjudentum“ und die Sozialdemokratie für die deutsche Kriegsniederlage die Schuld trügen. Diese hätten dem deutschen Soldatentum mit ihren Friedensverhandlungen einen Dolch in den Rücken gestoßen (Dolchstoßlegende). Ihnen schlossen sich unter anderem die völkischen Organisationen Deutschbund, Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund und weite Teile der Freikorps an. Bekanntester Vertreter wurde jedoch die NSDAP, die schnell den Führungsanspruch innerhalb der „vaterländischen Verbände“ einforderte.

Völkische Bewegung und Nationalsozialismus

Bereits weit vor dem Ersten Weltkrieg entstanden in Österreich-Ungarn und im Kaiserreich zahlreiche Parteien, die sich zum einen aus der Deutschnationalen und zum anderen aus der Völkischen Bewegung ableiteten. So wurde unter anderem 1903 in Böhmen die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) gegründet. Diese war mit ihrem Nationalsozialismus eher links als rechts angesiedelt, doch teilte sie einige Gemeinsamkeiten mit der Alldeutschen Partei.

Im Mai 1918 nannte sich die DAP in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei um. Der Zusatz „nationalsozialistisch“ sollte verdeutlichen, dass diese Partei nun Standpunkte des Deutschnationalismus und des Sozialismus vertrat. Allerdings überwog die letztere Komponente, was auch von den Alldeutschen bemängelt wurde und die die DNSAP zu einer echten Arbeiterpartei machte. Unter Adolf Hitler entfernte sich der österreichische Nationalsozialismus immer mehr von der Ursprungsidee und näherte sich dem aggressiven radikal-völkisch orientierten deutschen an. Mit dieser Orientierung an Hitler kam auch in Österreich ein radikaler Rassenantisemitismus auf. Die NSDAP empfand sich als treibende und wichtigste Kraft der völkischen Bewegung. Dieser Anspruch erstreckte sich auch auf die rechtsradikalen Splittergruppen (Deutschvölkische Bewegung, Nordische Bewegung). Von der völkischen Bewegung übernahm die NSDAP die völkische Rassenlehre und entwickelte aus dieser die nationalsozialistische Weltanschauung.

Im Januar 1933 erfolgte in der Weimarer Republik die nationalsozialistische Machtergreifung. Bis auf den alldeutschen Verband waren alle völkischen Organisationen und Verbände nahezu in die NSDAP aufgegangen. Der alldeutsche Verband wurde 1939 von der Regierung Hitler mit der Begründung aufgelöst, dass mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (März 1938) die Hauptforderung der Alldeutschen erfüllt worden sei.

Nachfolgerorganisationen der Völkischen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des von Adolf Hitler zu verantwortenden Zweiten Weltkrieges mit über 60 Mio. Toten und nach dem Untergang des NS-Regimes spielten Rechtsnationalismus und mit ihm die Völkische Bewegung in den deutschen Teilstaaten keine große politische Rolle mehr. Zu sehr waren beide mit dem Nationalsozialismus verwoben worden. In der Bundesrepublik und der Republik Österreich bestanden zwar kurzfristig Parteien und Verbände, die sich in der Tradition der Völkischen Bewegung stehend sahen. 1952 wurde als erste Partei in der deutschen Nachkriegsgeschichte die Sozialistische Reichspartei Deutschlands verboten, die sich offen als Nachfolgeorganisation der NSDAP darstellte. Andere, wie die Deutsche Reichspartei, ging mit anderen Splittergruppen in der NPD auf. Die meisten neo-völkischen Parteien lösten sich aber nach politischen Misserfolgen wieder auf.

Aber auch im benachbarten Österreich gab es Bestrebungen, den völkischen Nationalismus wieder auferstehen zu lassen: 1967 wurde dort mit der Nationaldemokratischen Partei Österreichs (NDPÖ) eine Schwesterorganisation der bundesdeutschen NPD gegründet. Diese vertrat bis zu ihrem Verbot (1988) rechtsnational-völkische Positionen.

In der DDR wurde mit der National-Demokratischen Partei Deutschlands ebenfalls eine Partei gegründet, die ehemalige Nationalsozialisten binden und auf die staatstragende sozialistische Richtung bringen sollte. Dabei wurden in den Anfangsjahren der Partei auch einige Bezugspunkte des völkischen Nationalismus und des Antikommunismus vertreten.

In der Gegenwart können in der Bundesrepublik die Ludendorffer und Artgemeinschaft zu den Nachfolgeorganisationen der Völkischen Bewegung gezählt werden. Letztere beruft sich sowohl auf religiöse als auch auf völkische Traditionen, während die Erste noch heute zu den Deutschvölkischen Vereinen zählt.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Fußnoten

  1. Uwe Puschner: Völkische Diskurse zum Ideologem „Frau“, in „Völkische Bewegung – Konservative Revolution – Nationalsozialismus“, S. 48
  2.  Karlheinz Weißmann: Die Zeichen des Reiches: Symbole der Deutschen. MUT-Verlag, Asendorf 1989, ISBN 3-89182-037-2, S. 96/97.
  3. 3,0 3,1 Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 7ff
  4. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 20
  5. Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse, S. 282
  6. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 215
  7. Heiner Zimmermann: Nationalismus und Nationalbewegung in Europa 1914–1945, Duncker & Humblot 1999, S. 180
  8. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 172
  9. Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse, S. 309
  10. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 48
  11. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 54ff
  12. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland, S. 151ff


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