Westdeutschland

Aus Deutsche Geschichte
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Duden.jpg Hinweis: Die in diesem Artikel angewendete Rechtschreibung richtet sich nach den Vorgaben des Dudens.

Westdeutschland [ˈvɛstˌdɔɪ̯ʧlant], auch westliches Deutschland, Substantiv, Neutrum. Geografisch-politischer Oberbegriff, der zum einen eine mitteleuropäische Großlandschaft und zum anderen den Westen Deutschlands, d. h. des deutschen Staates, ausmacht. Beiwort ist westdeutsch.

Zur Zeit des Kalten Krieges auf die damalige BR Dtschld. angewendet, um aus geopolitischen Gründen aufzuzeigen, dass die Rechtslage Deutschlands nach dem 23. Mai 1945 und die Zugehörigkeit der Oder-Neiße-Gebiete (Ostdeutschland) bis zum Abschluss eines Friedensvertrages zwischen einer gesamtdeutschen Regierung und den Vier Mächten ungeklärt sei. Die zwischen BR Dtschld. und den Oder-Neiße-Gebieten liegende DDR wurde propagandistisch als Mitteldeutschland bezeichnet.

Etymologie, Anwendung

Etymologie

Westdeutschland ist eng mit der Geografie Deutschlands verbunden und bezeichnete im ursprünglichen Sinn eine nicht fest zu definierende mitteleuropäische Großlandschaft.

Anwendung

Geografisch

Geografisch wird unter Westdeutschland jene Region verstanden, die aus der Niederrheinischen Bucht und des gleichnamigen Tieflandes gebildet werden, zu denen noch das Westfälische Tiefland, das Süderbergland, der Westerwald und der Taunus hinzukommen. Ferner werden ihm die Regionen Hundsrück, Gutland und Eifel zugerechnet.

Bis ins späte 19. Jh. wurden auch das die Flandrischen Höhen im heutigen Frankreich und das Belgische Tiefland zu ihm gerechnet.

Sprachlich

Mittelalter, frühe Neuzeit
Hauptartikel: Rheinmaasländisch und Ijsselländisch

Sprachlich wird Westdeutschland aus diversen deutschen Dialekten gebildet, die dem westlichen Zweig ihrer Dialektgruppen angehören:

Sprachgeschichtlich beschreibt Westdeutschland das deutsche Sprachgebiet, welches ein sprachliches Übergangsgebiet zwischen dem niederländischen und oberdeutschen Sprachgebiet darstellt. In seinem Bereich finden sich mehrheitlich die Isoglossen des Rheinischen Fächers, der wichtig für die deutsche Sprachgeschichte und die Dialektforschung ist.

Die Sprachregion war im Mittelalter und der frühen Neuzeit territorial stark zersplittert, zudem gehörte es zwei unterschiedlichen Dialektgruppen und zwei Sprachfamilien an, da in seinem Bereich die deutsch-romanische Sprachgrenze verlief: Im Westen war es niederfränkisch und französisch, im Osten und Norden niedersächsisch, derweil an den Nordseeküsten überwiegend friesisch gesprochen wurde.

Im Mittelalter wurden dort diverse Schreib- und Lesesprachen verwendet, die erst auf lokaler Ebene und schließlich weiträumig verwendet wurden. Am Niederrhein wurde traditionell das Mittelniederländische verwendet, derweil im Westfalen das Mittelniederdeutsche galt. Obgleich beide, Niederländisch und Niederdeutsch, auf verschiedenen Dialektgruppen basierten, existierten in den Grenzgebieten ein Dialekt- und Schreibsprachenkontinuum, das sich darin äußerte, dass auf beiden Seiten der Dialektgrenze fast identische Schreibsprachen verwendet wurden. Die niedersächsische Münsterander Kanzleisprache Münsters orientierte sich stark an das benachbarte Mittelniederländische, die Kanzleisprache Kleves beispielsweise galt im Umkehrschluss als stark westfälisch beeinflusst.

Die westdeutschen Schreib- und Regionalsprachen waren zwischen 1250 und 1500 dem starken Einfluss der Kölnischen Kanzleisprache ausgesetzt. Diese als Kölner Expansion bekannte Entwicklung strahlte bis weit in niederländische Sprachgebiete hinein und begünstigte die Herausbildung der Uerdinger Linie, die heute die westliche Sprachgrenze des Limburgischen bildet. Nach 1544 sollte die Kölner Expansion wieder kurzfristig aufleben.
Die Kanzleisprache des Kölns spielte in Westdeutschland eine wichtige Rolle in der deutsch-niederländischen Sprachentwicklung: Auf ripuarischer Grundlage basierend, orientierte es sich anfänglich schriftsprachlich am benachbarten Niederländischen. Doch 1455, im Zuge der Reformationszeit, begann Kurköln, diese Sprachform zugunsten einer hochdeutschen Sprachvariante (Gemeines Deutsch) der kaiserlichen Kanzleien abzulösen.

16.–19. Jh.

16.–17. Jh. war der deutsche Niederrhein einer sog. Hollandisierung ausgesetzt (Brabanter und Utrechter Expansion), in deren Folge die niederrheinischen Dialekte, v. a. die des linken Niederrheins, in Syntax und in den Personalpronomina vollkommen niederlandisiert wurden, sodass sie noch heute überwiegend niederländische Spracheigenschaften aufweisen. Darüber hinaus wurde Niederländisch auch Kultur- und Dachsprache und schließlich auch Sprache der Schulen und der Verwaltung. Das war v. a. in Kleve und Geldern zu beobachten, wo sich das Ndl. westlich und das Deutsche östlich der sog. Du-Linie etablierte. Indes übernahm das Herzogtum Jülich letztendlich das Deutsche als Schreibsprache, obgleich in den Grenzgebieten eine flämisch-limburgische Variante des Niederländischen verbreitet war.

Norddeutschland sollte 1600–1650 das Mittelniederdeutsche zugunsten des Lutherdeutschen aufgeben, doch am Niederrhein und anderen Grenzgebieten entstand ein Sprachenkampf zwischen Niederländisch und Deutsch, der sich bis Ende des 19. Jh.s hinziehen sollte:
Im 18. Jh. hatte sich der Rhein faktisch zur deutsch-niederländischen Sprachgrenze ausgebildet, da linksrheinisch mehrheitlich Niederländisch und rechtsrheinisch Deutsch als Dachsprache der Dialekte verwendet wurde.

Doch galt am gesamten Niederrhein damals eine Zwei- bzw. Dreisprachigkeit: das einfache Volk sprach im Alltag ihren traditionellen Dialekt, während es im Verkehr mit den Ämtern und Behörden Deutsch oder Niederländisch benutzte.
Die höheren Stände benutzten Fremdsprachen, die Niederländisch und Deutsch damals in der Region darstellten, als Statussymbol und verwendeten es zum Teile neben Französisch oder Latein.

Der Einfluss des Deutschen nahm nach Westen und Nordwesten hin immer mehr ab, und so wurde links der Maas bereits überwiegen Niederländisch verwendet. In Kleve waren die großen Verwaltungsstädte durchweg deutschsprachig, während das Umland niederländischsprachig war. Eine besondere Stellung nahm das Herzogtum Geldern in der Region ein: Während das geldrische Oberquartier noch eine gewisse Zweisprachigkeit aufweisen konnte (NL+dt.), herrschte im geldrischen Niederquartier mit dem alleinigen Gebrauche des Niederländischen die Einsprachigkeit.

In der sog. Franzosenzeit (1795–1810) führte die frz. Besatzungsmacht in Westdeutschland das Deutsche, neben dem Französisch, als offizielle Sprache ein.
1815 wurden die politischen Grenzen neu gezogen, als man die Westgrenze des Deutschen Bundes am Niederrhein mit einem Kanonenschuss festlegte: Dieses hatte zur Folge, dass die deutsch-niederländische Grenze nicht mit der Flussmitte der Maas zusammenfiel, sondern dass diese nun etliche Kilometer östlich davon entfernt verlief. Im neugeschaffenen niederländischen Herzogtum Limburg begann man, Deutsch sofort durch Niederländisch zu ersetzen, während Preußen anging, Deutsch in seinem Machtbereich fest zu etablieren.

Der seit dem 17. Jh. bestehende niederrheinische Sprachenkampf wird heute allgemein als Zeichen eines aggressiven Nationalismus aufgefasst. Doch in Wahrheit spielten hier keine nationalen, sondern eher religiöse Gründe: Während die Reformierten beiderseits der neuen Grenzen Niederländisch als Kult- und Kirchensprache verwendeten, benutzten Lutheraner und Katholiken Deutsch. Allein die katholische Kirche in den niederrheinischen Kreisen forcierte (wie die Reformierten) Niederländisch.

1817 wurde in Preußen die Unierte Kirche errichtet, in der alle Protestanten, das heißt, Lutheraner und Reformierte, zusammengeschlossen waren. Kirchensprache wurde, da nun die Lutheraner die Mehrheit bildeten, Deutsch. Allein den Altreformierten war es zugestanden worden, Niederländisch als Kirchensprache weiterzuführen.
1827 verkündete Preußen, dass im Regierungsbezirk Münster ab Jahresbeginn 1828 das Niederländische als Regional- und Umgangssprache verboten und nur noch das Deutsche zu verwenden sei.

Dieses preußische Sprachverbot] zeigte rasch Wirkung: War es bis dahin noch möglich gewesen, amtliche Schreiben und Bitten an Behörden in Niederländisch einzureichen, wurden diese ab 1828 nicht mehr bearbeitet. Im Falle der behördlichen Bearbeitung wurde dem Bittsteller zumeist eine hohe Übersetzungsgebühr in Rechnung gestellt, die dieser in der Regel nicht bezahlen konnte. Mit diesen Zwangsmaßnahmen drängte man nach und nach das Niederländisch aus Westdeutschland hinaus. Bereits 1860 konnte der Niederrhein als deutschsprachig angesehen werden, da Niederländisch bis auf wenige Reste verschwunden war.

Nach dem Sprachverbot folgte vonseiten der preußischen Behörden allgemein auch ein Kampf gegen die traditionellen Dialekte. Im Zuge der kaiserlichen Alphabetisierung-Politik des Reiches begann vor allem Preußen, in der 1822 errichteten Rheinprovinz die Dialekte zugunsten von Hochdeutsch abzulösen. Mit der Behauptung, Platt sei schlechtes Deutsch, man solle doch lieber gleich richtiges Deutsch lernen begann man die niederrheinischen Dialekte zu beseitigen, da sie eng mit Niederländisch verwandt waren.

20. Jh.–heute

Im 20. Jh. entstanden in Westdeutschland regionale Umgangssprachen auf niederdeutscher Basis, die von der Grammatik und vom Sprachcharakter her Deutsch folgten. Nur südlich der Benrather Linie blieben die Dialekte unverfälschter, da im Ripuarischen mit Köln, Bonn und Aachen bedeutende Sprachzentren vorgewiesen werden konnten. Am nördlichen Niederrhein entstand mit Klevisch-Weselisch ein weiträumiger Regiolekt, der vom Sprachcharakter her noch eindeutig als Niederländisch zu bestimmen ist.

Politisch

Mittelalter, frühe Neuzeit

Politisch wurde unter Westdeutschland stets ein geopolitischer Raum verstanden, dessen Größe variierte. Zudem war dieser Raum im Mittelalter und der frühen Neuzeit staatsrechtlich zersplittert, was ein deutliches Zeichen der Kleinstaaterei innerhalb des Römisch-Deutschen Reiches hinwies.

Im 16. Jh. bestand Westdeutschland aus verschiedenen Territorialstaaten mit unterschiedlicher Größe:
Es bestand aus den Herzogtümern Brabant, Geldern, Kleve, Jülich, Luxemburg, Westfalen und Berg sowie aus den Erzbistümern Paderborn und Kurköln mit dessen Bistümern Lüttich, Münster, Osnabrück.
Ferner aus den Grafschaften Artois, Flandern, Holland, Drente, Ostfriesland, Oldenburg, Hoya, Bentheim, Tecklenburg, Lingen und Mark.
Zu diesen traten noch zahlreiche kleinere Herrschaften, von denen Friesland, Groningen und Overijssel die größeren waren. Politisch waren sie im burgundischen und niederrheinisch-westfälischen Reichskreis organisiert, wo sich 18.–19. Jh. die deutsch-niederländische Sprachgrenze herausbilden sollte.

19. Jh.

1795–1810 wurden, bedingt durch den napoleonischen Imperialismus, auch in Westdeutschland die politischen Grenzen neu gezogen. Aber 1815 wurden diese zugunsten neuer Grenzlinien abgeschafft. Durch den Wiener Kongress bestand das damalige Westdeutschland aus dem Westen des Deutschen Bundes, d.h. Westfalen und der Rheinprovinz, Lippe-Schaumburg und Lippe-Detmold und Waldeck sowie aus Luxemburg. 1839 trat diesem noch Deutschlimburg bei. Nach der Auflösung des Deutschen Bundes (1867) wurde Westdeutschland aus den westlichen preußischen Provinzen gebildet, die bis 1945/47 bestanden.

20. Jh.–heute

1945 kam es auf dem Territorium des geschlagenen Deutschen Reiches zu alliierte Länderbildungen: Westdeutschland wurde nun im Wesentlichen aus den Ländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gebildet. Im Laufe des Kalten Krieges (1948/49–1990/91) wurde die Bezeichnung Westdeutschland propagandistisch auf die ehemalige Trizone und nunmehrige BR Dtschld. ausgedehnt. Heute wird Westdeutschland wieder (und ggf. mit Abstrichen) aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gebildet.

Siehe auch


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